Berlin : Rhetorik statt Endlosschleife

Henning Kraudzun

Wenn Kellner im "Sonntag im August" lesen, müssen sie erst einmal gegen eine Wand reden. Gegen eine Geräuschwand aus Stimmengewirr, Geschirrgeklapper und der unentwegt gurgelnden Espressomaschine. Die meisten Leute scheinen sich überhaupt nicht für die Geschichten des Quartetts zu interessieren, das gerade auf einem hell erleuchteten Podest inmitten der überfüllten Kneipe sitzt und damit wie auf einem Präsentierteller. Aber Kathleen, Andrea, Lydia und Oren haben Kondition und können gegen das aufgeregte Schnattern ankämpfen.

Ihre Literaturrunde kam schlecht aus den Startlöchern. Gleich die erste Geschichte von Oren ist keine, die das Publikum fesseln kann. Er nimmt es locker und stolpert sich durch die Sätze. Aber wer will ihm das ankreiden, wenn er es als Israeli doch viel besser auf Englisch sagen könnte. Erst Kathleen und Lydia punkten wieder bei den Leuten - mit Max Goldt. Beide reden sich schnell warm, senden vergnügliche Anekdoten mit lauter und prononcierter Stimme in das Publikum. Max Goldt scheint ihnen zu liegen. Dadurch finden sie nach einer harten Schicht in der Kneipe überhaupt die Kraft, als unbezahlte Zugabe dem Publikum ein wenig Literatur zu bieten.

"Ich kann das eigentlich gar nicht", sagt Lydia nach ihrem Auftritt. Einerseits mit den Blicken umzugehen, die an ihr kleben und andererseits gegen das Desinteresse anzukämpfen. Aber als Andrea, die Geschäftsführerin, vor einigen Monate die Idee zu der Lesereihe hatte, war sie sofort dabei. Es ging ja auch vor allem darum, sich von dem Status als dauerlächelnde Servicepuppe zu emanzipieren. "Ein Auslöser für die Reihe war eine schlimme Ausstellung mit fast pornographischen Bildern, die damals an den Wänden hingen", erzählt Lydia. Als Kellnerin sei sie mit den Fotos identifiziert worden. Das war der Punkt, als sie sich sagte: "Entweder, ich kündige oder zeige den Leuten, dass ich im wirklichen Leben mehr als nur Bier servieren kann."

Auch bei mäßigem Erfolg erhalte man wenigstens ein Feedback für die eigenen rhetorischen Fähigkeiten, sagt Andrea. "Wir fordern die Leute zumeist nach der Lesung auf, ihre Buchwünsche zu äußern." Dadurch könne jeder aus dem Publikum sich sein Lieblingsbuch von seinem Lieblingskellner vorlesen lassen. "Und irgendwann wird man anders von denen behandelt, es geht offener zu", sagt Andrea. Auch wenn sich einige ihrer Kellner während der Lesungen verhaspeln oder schlecht vorbereitet sind.

Mittlerweile lassen sich Stammgäste einen Platz für die sonntäglichen Literaturabende reservieren. Vor allem eigene Erzählungen, Begebenheiten aus der Kneipe oder der Stadt kommen beim Publikum an. Mit Sprachwitz und gekonnten Formulierungen werden die Kellner, die sonst den einen Satz "Was kann ich euch bringen?" als Endlosschleife aufsagen müssen, zu kleinen Stars der Kneipe. Doch nicht alle wollen sich für eine Stunde auf dem Podium präsentieren. "Einige bringen den Mut nicht auf, sich in den Mittelpunkt stellen", sagt Andrea. Dennoch gehen ihr die kellnernden Literaten nicht aus. Viele würden die Geräuschkulisse erst als Herausforderung annehmen - um ihren Status durchzuboxen.

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