Berlin : Richter ist jetzt Meier

Tartu, km 4774: Ein deutscher Ex-Diplomat ist weit herumgekommen – und auf einer estnischen Kolchose gelandet, wo er Käse produziert

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Wirtschaftsreferent Wolfgang Richter hat seine Beamtenlaufbahn im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland abgebrochen, um jetzt in einer estnischen Kolchose Käse herzustellen. Tilsiter Butterkäse – gewürfelt, gerieben, in Scheiben oder im Block – sowie Parmesan: pur, mit Zwiebeln, mit Knoblauch oder brasilianisch gewürzt.

Wolfgang Richter ist 60 Jahre alt und wohnt in einem hässlichen grauen Block in einem Dorf bei Tartu, wo der Boden erst Mitte April auftaut und hinter einem riesigen Sumpf die russische Grenze verläuft. Richter fährt einen Opel Astra Caravan, in dem der Platz zwischen Vordersitzen und Heckklappe für seinen sperrigen, aber sehr verständnisvollen Labrador Bossi reserviert ist. Es geht Wolfgang Richter den Umständen entsprechend gut.

Richter ist ein schneller Redner, aber ein gemächlicher Autofahrer, was auf der Buckelpiste zur Kolchose ein Vorteil ist. Als ihm ein junger Landarbeiter entgegenkommt, stoppt er kurz und ruft aus dem Fenster: „Mach’s gut! Aber keinen Alkohol heute Abend, ja?“ Der schaut seinen Chef freundlich an, bevor er wortlos weitergeht.

Richters Geschäfte laufen jetzt einigermaßen, nachdem er die Startprobleme überwunden hat. So musste er sich mit einem Kolchosenverwalter aus Sowjetzeiten herumschlagen, der sich auf seine letzten Diensttage zur Größe eines Landwirtschaftsministers aufplusterte. Und die Fahrt durch halb Estland mit dem gebraucht gekauften, rechtsgelenkten Milchlaster war auch nicht einfach. Die Viehwirtschaft mit 220 Kühen hat Richter im vorigen Jahr aufgegeben, weil sie mehr Ärger als Geld einbrachte. Zwei von vier Melkerinnen waren Alkoholikerinnen. Es war schwierig, morgens um halb vier Ersatz herbeizutelefonieren. Jetzt kauft Richter die Milch für seinen Käse anderswo ein.

In der Meierei arbeiten nur sechs Leute fest. Auf die kann Richter sich verlassen. Eine Kollegin schmeißt den Laden so gut, dass Richter ihr 6000 Kronen zahlt, also fast 400 Euro. Sonst sind knapp 300 Euro üblich. Richter verdient zurzeit kein Geld mit seinem Käse, weil die großen Monopolisten den Milchpreis hoch halten, nachdem viele kleine Milchbauern im Zuge der EU-Vorbereitungen aufgeben mussten. Estland ist nämlich besonders eifrig, wenn es um die neuen Normen geht. So eifrig, dass viele Kleinbauern ihre Kühe schlachten mussten, weil ihre Milch bei den ständigen EU-Qualitätskontrollen wegen zu vieler Bakterien durchfiel. Jetzt wursteln sich die Kleinbauern mit Getreideanbau und ein paar Schafen durch und haben gerade genug zu essen. Und Richter hofft, dass der Milchpreis sinken wird, wenn der Markt auch der lettischen und litauischen Konkurrenz offen steht.

Auch er will expandieren und seinen Parmesan bald in Finnland und Schweden verkaufen. Vom russischen Markt hat Wolfgang Richter sich zurückgezogen, nachdem er sein Geld nicht bekam. Er braucht wenig zum Leben, aber betrügen lässt er sich nicht – zumal er ja auch Volkswirtschaft studiert hat. Es war ja nur eine Kette von Zufällen, die den Diplomaten auf die Kolchose geführt hat. Richter kann das bei Kaffee und Käsewürfeln schön erzählen, während der Labrador unter dem Tisch döst, und der Abend eine Reifschicht auf den Opel legt. Kurz gesagt, hat Richter zwei Brüder, von denen einer Lehrer in Berlin ist und der andere Pferde auf der schwedischen Insel Gotland züchtet. Dort war vor Jahren ein Este zu Gast, der erzählte, wie in seiner Heimat gerade die einst staatlichen Kolchosen verschleudert würden. Der Lehrer gab den Brüdern das Geld, mit dem sie ihr Glück im Osten versuchen wollten. Der Pferdezüchter kniff. Wolfgang Richter blieb mit Frau und 400 Tieren in der ehemaligen Sowjetrepublik Estland zurück.

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