Berlin : Rinderställe zu Restaurants

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Von Annekatrin Looss

Prenzlauer Berg. Mit dem „Langen Jammer“ ist es bald vorbei. Noch drei Wochen lang haben Nostalgiker die Chance, Berlins wohl hässlichste Fußgängerbrücke zu überqueren, dann wird sie abgerissen (siehe Kasten). In Zukunft kann man die S-Bahn auf ebener Erde erreichen. Auf einer neu angelegten Promenade. Es geht voran im Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof.

Im Jahre 1881 als „Centraler Vieh- und Schlachthof“ eröffnet, wurden per Bahn täglich tausende Schafe, Schweine und Rinder aus dem Umland hergebracht, verkauft, geschlachtet und verwurstet. Später, in der DDR, wurde er dann in Fleischkombinat umbenannt und nach dem Fall der Mauer, im Jahr 1991, stillgelegt. Seit 1993 ist er nun Entwicklungsgebiet, in den nächsten Jahren soll hier ein modernes Stadtquartier mit etwa 1700 Wohnungen, rund 270 000 Quadratmetern Dienstleistungs-, Handels- und Büroflächen und über 10 Hektar Park- und Grünflächen entstehen. Keine leichte Aufgabe für den Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Eldenaer Straße (ses), Manfred Nikolovius, ein Gebiet zu vermarkten, auf dem als Denkmal geschützte Rinderställe und Schlachthallen stehen. Für knapp die Hälfte der Nutzfläche von 24 Hektar hat er inzwischen dennoch Investoren gefunden.

Die ersten Projekte werden in diesen Tagen fertig. So sind die ersten Mieter in den neu entstanden Wohnblock an der Hausburgstraße eingezogen. Auch der Park vor dem Haus nimmt Formen an. Als erster Verkehrsweg des Viertels wurde die Hermann-Blankenstein-Straße eingeweiht, vor zwei Wochen wurde die Thaerstraßenbrücke für den Verkehr geöffnet. Die danebenliegende Steinleinhalle, eine ehemalige Lederfabrik, soll noch in diesem Jahr zu Wohn- und Bürolofts umgebaut werden. Auch am anderen Ende des Entwicklungsgebietes zeugen Kräne vom Wandel des Alten Schlachthofes. Seit Dezember des vergangenen Jahres entsteht hier eine Werkstatt mit Ausbildungsplätzen für rund 260 behinderte Menschen. Gleich daneben soll in wenigen Wochen ein Gastronomie-Fachmarkt gebaut werden. Einige Meter weiter ist ein Möbelmarkt geplant, Baubeginn noch in diesem Jahr.

Drei der neun ehemaligen Rinderställe entlang der Eldenaer Straße hat die Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG) schon saniert. Werbeagenturen, eine Motorradwerkstatt und das Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung sind hier eingezogen. Leuchtend rot, mit großen Fenstern und schmalen Dachterrassen heben sie sich von den verfallenen restlichen sechs Ställen ab, für die die „ses“ noch Nutzer sucht. Für die ehemalige riesige Rinderauktionshalle, die heimlich schon als Ladenhüter bezeichnet wurde, ist der inzwischen gefunden. Die Zunft AG will hier eine Zunfthalle einrichten. Während in der einen Hälfte der größten Halle Europas Handwerker-Manufakturen ihre Produkte herstellen und verkaufen, soll man in der anderen Hälfte später Blumen, Wein, Obst und Gemüse kaufen können. Zwischen den beiden Bereichen sollen eine große Bar und mehrere Restaurants entstehen. Auch für die Schlachthofgebäude an der Landsberger Alle hat die „ses“ Interessenten gefunden. So will in dem dort geplanten Schlachthof-Center, in das später Restaurants und Einzelhändler einziehen sollen, unter anderem die Karstadt AG auf 5000 Quadratmetern ein Sport- und Freizeitkaufhaus eröffnen. In wenigen Wochen soll der Umbau beginnen.

Die Pleite des Landes Berlin, das die Entwicklung des Gebietes vorfinanziert, macht die Lage nicht einfacher: Der Bau, der an der am Hausburgpark geplanten Sporthalle für die Schule in der Nachbarschaft, ist auf das Jahr 2006 verschoben. Der geplante Sportplatz wurde ganz gestrichen. Für rund 12 Hektar im Herzen des Geländes sucht Nikolovius noch Investoren. Dort steht zur Zeit noch ein altes Kraftwerk neben zahlreichen anderen Bewag-Gebäuden, die in den nächsten Jahren abgerissen werden sollen. Und was hält Nicolovius von der Idee, auf dem Alten Schlachthof Berlins China Town entstehen zu lassen, wie es die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling kürzlich vorschlug? Nikolovius holt einen Werbeprospekt auf chinesisch hervor. Tatsächlich soll auf dem Gelände zumindest ein chinesisches Handelszentrum entstehen. Noch wird verhandelt. Gleich neben dem „Langen Jammer“, getrennt nur durch eine Grünfläche, soll es entstehen. Denn etwa 80 Meter der vormals 522 Meter langen Brücke bleiben erhalten, um die Lichtenberger über die S-Bahn-Gleise zum Bahnhof Storkower Straße zu führen.

Weitere Informationen im Internet:

www.alter-schlachthof-berlin.de

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