Berlin : Ringkampf am Klavier

Klassische Momente im Club: Zwei Pianistinnen spielten um die Wette

Christian Tretbar

Ming hat eine Vision. Die Pianistin will die Klassik einmal kräftig durchschütteln, ihr links und rechts eine kleine Ohrfeige verpassen, um sie so aufzuwecken. Dafür stellt sie einen eleganten schwarzen Flügel in einen Boxring, sucht sich eine begabte Pianistin, mit der sie einen Wettkampf am Flügel austrägt. Das ganze nennt sie „Mingbattle“ und soll junge Menschen wieder zur Klassik führen. „Schließlich ist Klassik echter Rock’n’Roll“, sagt die 28-jährige Ming. „Und viele wollen kein steifes zweistündiges Konzert in der Philharmonie“, ergänzt ihr Manager Martin Agregado.

Was sich nach einer Berliner Kulturinnovation anhört, ist genau genommen fast 170 Jahre alt und kommt aus Paris. Es war Franz Liszt, der sich 1837 dort mit Sigismund Thalberg ein heißes Duell am Klavier lieferte. Thalberg war einer der berühmtesten Pianisten seiner Zeit und Liszt der talentierte Herausforderer. Am Ende musste sich der Arrivierte aber geschlagen geben und in den Pariser Zeitungen lautete es fortan: „Thalberg ist der erste aller Klavierspieler, Liszt ist der beste.“ Ming wollte genau diesen Wettkampfgedanken wieder aufleben lassen und an die Tradition anknüpfen. Denn auch Mozart und Beethoven duellierten sich mit Gleichgesinnten.

Soweit die Theorie. Im Kreuzberger Szeneclub „Spindler & Klatt“ setzte die in Berlin lebende Ming ihre Idee am Dienstagabend um. Und das Konzept ging auf. 350 überwiegend junge Erwachsene kamen und waren begeistert – von der Musik und der Show. Bevor Ming und ihre Gegnerin, die 25-jährige Min-Ji Song, in den Saal einmarschierten, tippelten sie wie echte Boxer nervös mit ihren Füßen. Ihre schicken kurzen Abendkleider versteckten sie da noch unter dem Boxer-Umhang. Ihre feinen und flinken Finger, die später über die Klaviertastatur flogen, waren zunächst in Boxhandschuhe gehüllt. Erst im Ring legten sie die Fäustlinge ab.

Es folgten vier Runden, in denen beide unterschiedliche Kompositionen spielten. Sobald die Pianistinnen zum Spiel ansetzten, wurde es mucksmäuschenstill. Kein Tuscheln, kein Rumlaufen. Nur die Klänge des Klaviers waren zu hören. „Beeindruckend, wie sich die Leute auf die Musik konzentrierten und sie genossen“, sagt Ming später. Auf zwei großen Videowänden konnte man den Musikerinnen, die unterschiedliche Stücke spielten, genau auf die Hände schauen. Sie spielten Kompositionen von Bach, Beethoven und Rachmaninov sowie freie Interpretationen. Erst als die Künstlerinnen fertig waren, war es mit der Stille vorbei. Applaus und Jubelrufe brandeten auf. „Dass man bei Klassik auch brüllen und johlen kann, hätte ich nicht gedacht“, sagt der 26-jährige Boris. Und die Lautstärke der Zuschauer war wichtig, schließlich wurde dadurch ermittelt, wer gewonnen hat. Auch eine fachkundige Jury gab ihr Votum ab. Am Ende war es hauchdünn, und eine K.o.-Runde sollte die Entscheidung bringen. Ming vertraute wieder auf den schwungvollen Liszt. Die Jury fand zwar das Spiel der Südkoreanerin Min-Ji „sauberer“, aber das Publikum sah es genau 0,3 Dezibel anders. Es wollte begeistert werden und scherte sich nicht um die Technik. „Das war echte Emotion – und einfach geil“, schwärmte Siegerin Ming, die sich mit 101,3 zu 101,0 Dezibel Applauslautstärke durchsetzte.

Fast zwei Jahre hatte die Pianistin die Idee für den Kampf der Klaviere mit sich herumgetragen. Es kamen aber andere Projekte dazwischen. So ging sie 2001 mit der Band „Seeed“ auf Tour. Ming, die mit 13 Jahren Deutschlands jüngste Klavierstudentin war, gewährt ihrer Gegnerin im März eine Revanche. Dabei gab es keine wirklichen Verlierer an diesem Abend. „Min-Ji war sehr, sehr gut und wir haben beide gewonnen“, so Ming. Einen heimlichen dritten Sieger gab es auch: die Klassik.

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