Roberto Saviano : 'Deutschland ist das gelobte Land der Mafia'

Der italienische Autor Roberto Saviano stellt seinen Bestseller "Gomorrha" in Berlin vor. Er warnt deutsche Ermittler vor einer Vernachlässigung der Mafia.

Andrea Dernbach

So werden normalerweise Hollywoodstars empfangen: Die Blitzlichter der Fotografen flackern minutenlang, englische und italienische Kommandos befehlen die bildschirmtauglichen Posen: „Das Buch in die Hand nehmen!“, „Etwas höher bitte!“. Roberto Saviano ist aber gar kein Filmstar. Er ist Schriftsteller, das sagt er mehrmals, und ein sehr junger dazu. Gleich sein erstes Buch hat den 28-Jährigen in Italien vor gut einem Jahr in die erste Reihe der Autoren des Landes katapultiert. Inzwischen ist „Gomorrha“, ein „nichtfiktionaler Roman“, wie Saviano ihn nennt, über Geschichte, Geschäfte und Morde der neapolitanischen Camorra mit 750 000 verkauften Exemplaren in die 29. Auflage gegangen und in 23 Ländern auf dem Markt. Auf Deutsch gibt es ihn seit zwei Wochen (siehe Tagesspiegel vom 27.8.), und wenn das fast fiebrige Interesse der Medien am ersten Auftritt des Autors in Berlin ein Indiz ist, dann hat „Gomorrha“ auch hierzulande eine realistische Chance zum Bestseller.

Es hätte sie nicht nur wegen der notorischen Liebe der Deutschen zu allem Italienischen – und der Verachtung für den angeblich schlampigen, kriminellen, phlegmatischen Süden. „Gomorrha“ erzählt nämlich auch von Deutschland: von den Lagerhäusern, die die Clans hier unterhalten, den Deckadressen meist fern der Metropolen, in Münster oder Borken etwa, für ihre Drogengeschäfte. Rostock sei neben Rotterdam der wichtigste Hafen für Italiens Kokain. Die Originalausgabe von „Gomorrha“ enthielt noch ganze Adressen, etwa in der Kreuzberger Gneisenaustraße – aus der deutschen Ausgabe sind sie getilgt. Das habe rein technische Gründe, sagt Saviano. Die Clans hätten einige Adressen und Läden seit Erscheinen des Buches gewechselt. Man könne sich aber in italienischen Ermittlungsakten kundig machen über die Geschäftsbeziehungen besserer Berliner Boutiquen mit mafiösen Partnern in Neapel, Kampanien und Sizilien.

„Deutschland ist das gelobte Land der italienischen Mafia“, sagt Saviano. Hier gebe es keine Antimafiagesetze und abgehört werde man in Deutschland auch nicht so leicht wie in Italien. Vor allem aber nähmen die deutschen Behörden, die alle Kraft auf den islamistischen Terror richteten, diese Form der organisierten Kriminalität immer noch auf die leichte Schulter. Dabei sei sie alt und etabliert. „Es genügt, sich die Liste der mit Steckbrief gesuchten Mafiosi anzusehen.“ Viele hätten ihre Wohnsitze oder Familie in Mainz, Wiesbaden, Düsseldorf, Freiburg, Chemnitz. Wie andere Teile Europas sei auch Deutschland in Familien-Claims eingeteilt. „Stuttgart gehört uns“, sagten die Jungs der kampanischen Clans. Oder: „Spanien ist unser.“ „Es ist nicht schwierig, die Mafia zu sehen“, sagt Saviano. „Es ist schwierig, sie nicht zu sehen.“

Aber sie sei nicht unbesiegbar. Saviano nennt die Fälle zweier Antimafiaermittler, die auf der schwarzen Liste standen, aber noch leben, weil die Killer herausfanden, dass ihr Tod in den Zeitungen zu viel Wirbel gemacht hätte. Auch „Gomorrha“ ist ein Beispiel für die Macht einer kritischen Öffentlichkeit. Dass er heute unter Polizeischutz leben müsse, dass die Camorra ein Buch überhaupt für gefährlich halte, liege an dessen unerwartetem Erfolg: „Die Leser haben mein Buch gefährlich gemacht.“ Aber die Aufmerksamkeit müsse dauerhaft sein – das erhoffe er sich nach dem Schock der Mafiamorde von Duisburg auch für Deutschland, sagt Saviano. Und erinnert an ein Interview, das der Richter Paolo Borsellino kurz vor seiner Ermordung durch die sizilianische Mafia 1992 gab: „Ob in Büchern, im Fernsehen, in den Zeitungen: egal wo, aber redet darüber.“ Andrea Dernbach

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