Berlin : Rochade mit vier Fäusten

Denk- trifft Kampfsport: Berlin ist Schauplatz der ersten Europameisterschaft im Schachboxen

Judith Jenner

Im „Box-Kraft-Raum“ der Franz-Mett- Sporthalle in Mitte riecht es, als ob gerade ein Wettkampf zu Ende gegangen ist. In einer Vitrine funkeln Pokale, die Mitglieder des Boxvereins Post SV Berlin erkämpft haben. In der Umkleidekabine sitzt Tihomir Titschko, ein Paar Boxhandschuhe vor sich – und ein Schachbrett. Der Bulgare übt für die erste Europameisterschaft im Schachboxen. „Wir führen die Nummer eins des Denksports und die Nummer eins des Kampfsports zusammen“, sagt Iepe Rubingh. Vor zwei Jahren hat der Künstler aus Rotterdam den ersten Kampf in Berlin veranstaltet. Jetzt gibt es den ersten Schachbox-Verein der Welt, die Word Chess Boxing Organisation (WCBO). Am 1. Oktober ist Europameisterschaft.

Die Regeln sind einfach: Zwei Minuten boxen, eine Minute Pause, vier Minuten Schach. Es gibt sechs Schach- und vier Boxrunden. Entschieden wird das Spiel durch Überschreiten des Zeitlimits beim Schach, ein K. O., ein Schachmatt, Erschöpfung eines Spielers oder die Entscheidung des Schiedsrichters, das Spiel abzubrechen. Verbindlich sind die Regeln der Fide (Fédération Internationale des Échecs) für Blitzschachspiele und die Aiba-Regeln (International Boxing Association) fürs Boxen.

Andreas Schneider tritt bei der Europameisterschaft gegen Titschko an. „Er ist ein sehr guter Schachspieler. Meine Chance gegen ihn sehe ich im Boxkampf“, sagt Schneider. Seit einigen Monaten geht er regelmäßig zum Training der WCBO. „Die Herausforderung besteht darin, den Puls nach dem Kampf so weit runterzubringen, dass man wieder klar denken kann“, sagt Schneider. „Dafür braucht man körperliche Fitness und eine gute Selbstkontrolle.“ Schach spielt der Schauspieler seit seiner Kindheit. Als Student boxte er im Verein. Der Ingenieur Titschko, der seinen wahren Namen nicht verraten will, hat über Freunde von der neuen Sportart erfahren. Er ist aus Varna angereist, um sich auf dem Kampf vorzubereiten. Vor dem Spiegel übt er schon mal den Stallone-Blick aus „Rocky“.

Die Idee zu der neuen Sportart hat Iepe Rubingh aus dem Comic „Kalter Äquator“ von Enki Bilal. Darin wird im Jahr 2054 die erste WM im Schachboxen ausgetragen. Rubingh hat die Zukunftsvision des Franzosen erst als Kunstperformance umgesetzt. Mit seinen Schachboxkämpfen war er aber auch schon in Amsterdam und Tokio. „Nach meiner Erfahrung sind die Boxer dem Schach gegenüber aufgeschlossener als umgekehrt“, sagt Andreas Schneider. Zweimal in der Woche trainiert er in der Franz-Mett-Sporthalle. Eine Stunde Schachtheorie mit Trainer Jan Schulz, danach eine Stunde Schläge gegen Ledersäcke, Täuschungsmanöver im Ring und Konditionstraining. Die einzige Frau unter acht Männern ist Martha Zybon. „Ich habe lange keinen Sport gemacht und finde die Kombination aus Denken und Kämpfen super.“

Christian Schräder organisiert mit seiner Event-Agentur die Europameisterschaft im „Salon Ost“, einer alten Fabrikhalle mit „Fight Club“-Atmosphäre. „Im Vorprogramm gibt es einen Frauenboxkampf und eine Schnellschachpartie. Die Nummerngirls dürfen natürlich auch nicht fehlen.“ Und vielleicht werden in der ersten Reihe zwei echte Boxlegenden sitzen: Wladimir und Vitali Klitschko sind begeisterte Schachspieler.

Europameisterschaft im Schachboxen am Sonnabend, den 1. Oktober ab 21 Uhr im Salon Ost, Saarbrücker Str. 20–21, Prenzlauer Berg, Karten für 12, 25 oder 50 Euro, Telefon 40048825. Der Tagesspiegel verlost zweimal zwei Freikarten. E-Mail an verlosung@tagesspiegel.de

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