Rolf Eden und Ben Wagin : Ein seltsames Paar

Der eine brachte der Stadt Misswahlen und Gogo-Girls, der andere politische Kunst und viele, sehr viele Ginkgos. Was kaum jemand weiß: Rolf Eden und Ben Wagin sind Freunde, seit mehr als 50 Jahren.

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Höre, Rolf. Ben Wagin und Rolf Eden sind seit über 50 Jahren befreundet.
Höre, Rolf. Ben Wagin und Rolf Eden sind seit über 50 Jahren befreundet.Foto: Hans Ohse

"Hier ist die Maus, gib mir mal den Igel." Die Sekretärin stutzt, stellt dann aber durch. "Du, können wir das jetzt machen mit dem Stein da?", fragt der Anrufer. Kurze Pause am anderen Ende der Leitung. "Ja, können wir machen." So erzählt es Ben Wagin. Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sich sein Vorstoß neulich beim Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel, genau so zugetragen hat. Wagin - der Mann mit dem Käppi auf dem kahlen Kopf, den verhornten Fingerkuppen und den durchgewetzten Hosen, den die meisten Berliner nur als den "Baumpaten" kennen - ist dafür bekannt, mit der Tür ins Haus zu fallen. Überall hat er schon angerufen, ausnahmslos jeden sofort geduzt. Seine Kunst- und Pflanzaktionen stimmt er nur telefonisch ab, am liebsten mit den obersten Würdenträgern, Bundespräsidenten abwärts. Das hat in den letzten sechs Jahrzehnten ziemlich oft ziemlich gut geklappt. Auch diesmal wieder. Igel hält Wort, der Gedenkstein, Wagin selbst nennt ihn "Denkstein", ist vor wenigen Tagen in der Köpenicker Altstadt am Futranplatz verlegt worden.

Es ist einer von vielen Steinen, die Wagin in diesem Jahr an geschichtsträchtigen Orten in die Erde bringt. Alte Gehwegplatten aus dem Vorkriegs-Berlin hat er ausgesucht, darauf schwarze Jahreszahlen eingravieren lassen: 1933, 1938, 1945. Schicksalsjahre der deutschen, der jüdischen, der gesamten europäischen Bevölkerung. Darunter jeweils die Namen der Sponsoren. Auch am Savignyplatz, Ecke Knesebeckstraße, liegt seit Mitte Juni solch ein Stein. "Spende: Rolf Eden" steht links unten. Rolf Eden? Was hat der Ku’damm-Papagei, der Ex-Clubbetreiber, Villenbesitzer und Frauenflüsterer Rolf Eden mit dem ewig mahnenden Ben Wagin zu tun? Während der eine sich angeblich nie für Politik, geschweige denn für die deutsche Geschichte interessierte, überzieht der andere die Stadt seit Jahrzehnte mit Bäumen, Wandbildern, Ausstellungen und Installationen. Eden hat Berlin die flüchtigen Freuden des Nachtlebens gebracht, er hat DJs, Misswahlen und Gogo-Girls importiert, die freie Liebe gelebt und seine Clubs eng mit der Inszenierung der eigenen Person verknüpft. Wagin hat den Umweltschutz lange vor den Grünen entdeckt, er hat den europäischen Gedanken propagiert und im Ginkgo, den er überall dort pflanzte, wo ihm ein Baum als Baum und als Symbol angemessen schien, seinen politischen Botschafter und sein künstlerisches Ausdrucksmittel gefunden. Der Raubbau an der Natur und die Verbrechen gegen die Menschheit sind seine Lebensthemen geworden. Eden dagegen bekannte sich zuletzt 2012 in seiner Autobiografie zu einer Philosophie der Oberflächlichkeit: Geld, Glück, Gegenwart. Was sich über die letzten 80 Jahre sagen lässt? Es lief stets "fantastico", mit den Damen genauso wie mit den Gaststättenbesuchern, den sieben Kindern, dem nicht ausfallenden Haupthaar. Vor einem Jahr wollte die "Süddeutsche Zeitung" mit ihm über seine jüdische Herkunft und antisemitische Übergriffe im heutigen Deutschland sprechen. "Ich liebe Berlin, ich liebe Deutschland", antwortete er. "Wollen wir nicht lieber über Frauen als über Politik reden?" Was haben diese zwei bloß miteinander zu schaffen? Worauf beruht die gegenseitige Wertschätzung, die auf den Bildern, die der Fotograf Hans Ohse in den letzten Monaten von Wagin und Eden gemacht hat, so deutlich sichtbar wird?

Sympathisch verschieden. Ben Wagin interessiert sich für Nachhaltigkeit, Rolf Eden für den Moment.
Sympathisch verschieden. Ben Wagin interessiert sich für Nachhaltigkeit, Rolf Eden für den Moment.Foto: Hans Ohse

Der Kern ihrer Freundschaft, die in den späten 50ern oder frühen 60ern in West-Berlin beginnt, ist schwer zu fassen. Nicht nur, weil Eden und Wagin in der Öffentlichkeit über die Jahre verschmolzen sind mit ihren holzschnittartigen Fassaden. Beide wurden zu wiedererkennbaren Marken, an der Grenze zur Lächerlichkeit der eine, an der Grenze zur Redundanz der andere. Die S-Bahn, die von Osten her kommt, fährt am Savignyplatz ein. Aus den Fenstern ist Wagins Weltenbaum, der seit 1985 eine Hausrückwand direkt am S-Bahnhof ziert, nur unter Halsverrenkungen zu erkennen. Aber die neuen gemalten Rechtecke zu seinen Füßen, auf Augenhöhe der Fahrgäste, fallen sofort auf, wieder die drei schwarzen Jahreszahlen: 1933, 1938, 1945. Im Juni hat Wagin sein Werk, sichtbar für alle, die hier Tag für Tag mit S-Bahnen, Regional- und Fernzügen vorbeikommen, restauriert.

Das Büro von Herrn Eden in der Wilmersdorfer Straße, nur einen Steinwurf vom S-Bahnhof entfernt, sieht fast genauso aus, wie man sich das Büro von Herrn Eden in der Wilmersdorfer Straße vorgestellt hat. Nur weniger mondän. Ein gedrungener, schmuckloser Neubau, im ersten Stock ein Sekretärinnenzimmer, ein Durchgangszimmer, ein Edenzimmer. Die zuverlässige Frau Hermann, die man als tatkräftige Unterstützerin ihres Chefs bereits aus Edens Autobiografie kennt, bietet Kaffee und Wasser an. An den Wänden Bilder, Zeitungsausschnitte, Fotos, großformatige Plakate neben klitzekleinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Die Früchte der fleißigen Selbstvermarktung. "Fleißig" ist übrigens das Adjektiv, das Eden auch in Zusammenhang mit Geschlechtsverkehr am häufigsten verwendet. Die Damen waren fleißig, und er war auch fleißig. Eine Chaiselongue, sie ist rot, rundet das etwas abgedroschene Bild ab.

Bäume interessieren Eden sonst gar nicht

Vor dem Fenster dann aber doch ein angenehm sachlicher Schreibtisch, dahinter ein schmaler Herr mit zerzaustem Haar. Rolf Eden wirkt, die Worte erscheinen despektierlich, sind aber die einzigen, die passen: rissig und brüchig. Sein Gesicht, trotz mehrmaligen Liftings, ein Feld aus Furchen. "Jeder Jahresring ist ein Sinnbild für gelebte Kraft, ist wie eine Falte in einem Gesicht", steht auf einer der Weltenbaum-Tafeln am Savignyplatz. Eden hat gelebt, das sieht man. Jetzt ist er ein alter Mann, das sieht man auch. Die Interviewreflexe funktionieren noch. Erst ein Foto auf der Couch, dann das Gespräch? Aber sehr gerne, Madame, wie Sie mögen, Madame. Eden spricht in knappen Sätzen, schablonenhaft. Ein Fan von Ben Wagin sei er, "der ist so gut, der Junge, der macht das so konsequent seit so vielen Jahren". Nein, Bäume interessieren ihn, Eden, sonst gar nicht, zu Hause im Garten, da habe er welche, aber in die Natur fahren, nein, was soll ich da, total langweilig. In Frankreich an den Strand gehen, das ja, aber Wald, so was Langweiliges, überhaupt nicht. Der Ben, ja, "ich bin immer begeistert von Ben", der rufe an, wenn er wieder neue Sachen mache, lade ihn ein, "dann mache ich das natürlich, ich versuche ihn so viel wie möglich zu unterstützen". Und sonst, privat ein Kunstsammler, nein, überhaupt nicht, ein paar Bilder habe er, aber mit der Kunstszene nie was zu tun gehabt. "Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist die, wo ich drauf bin. Guck mal das Bild da unten, berühmte Hollywoodschauspielerin, und da das kleine Bild, da war ich 16, da habe ich Werbung für ein Lokal gemacht." Auf dem Foto sitzt Eden auf einem Esel und reitet durch Haifa.

Rolf, Künstlername Eden, mit dem Old Eden, dem New Eden, dem Eden Playboy Club und dem Big Eden, die er im Laufe der Jahre entlang des Ku’damms eröffnet, reich und bekannt geworden, ist längst raus aus dem Partygeschäft. Heute ist er Immobilienbesitzer, "gefällt mir sehr, sehr gut die Branche". Rund 700 Berliner Mietwohnungen besitzt er, und nein, mit Spekulation, Mieterverdrängung, Luxussanierung will er nichts zu tun haben. "Ich baue nichts und verkaufe nichts." Warum auch, die Wohnungen bringen doch Geld im Schlaf. Die Leute wohnen und bezahlen, besser geht’s nicht. Dass die Immobilienpreise in Berlin anziehen, findet er natürlich gut, klar. Aber Mietsteigerungen? "Wenn die Leute drin wohnen, kann man ja nicht die Preise erhöhen." Hinter den Phrasen schimmert ein Kern Wahrhaftigkeit. Ein anständiger, großzügiger Kerl sei Rolf Eden, das sagen viele über ihn. Einer, der stets alle einlädt, bei Rechnungen generös aufrundet, der größere Summen an kranke Freunde überweist, Häuser verschenkt, gute Gehälter zahlt. Viel darüber gesprochen hat er nie, lieber hat er Talkshows mit schmierigen Thesen zur Prostitution aufgemischt. Der weichherzige Menschenfreund - vielleicht passt das nicht ins Bild des sex- und amüsierbesessenen Kapitalisten, das Eden immer von sich zu malen bemüht war.

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