Roma in Berlin : Armutswanderer und Sofarevolutionäre

Tausende Saisonarbeiter kommen jedes Jahr nach Berlin. Doch 100 rumänische Roma hielten die Stadt in Atem. Warum eigentlich?

Ferda Ataman

Wo kommen eigentlich die vielen Autofensterputzer und Straßenmusikanten unter, die nicht zu jener Gruppe gehören, die Plätze im Aslybewerberheim bekamen? Und warum hat diese Gruppe die Behörden so überfordert, obwohl jedes Jahr Tausende Roma nach Berlin kommen? Das absehbare Ende des Berliner Romadramas hinterlässt offene Fragen.

Jedes Jahr beziehen zahllose Sinti-und Roma-Familien mit ihren Wohnwagen einen Stellplatz in Dreilinden. Dieser wurde eigens für sie eingerichtet, gut versteckt im Grunewald, in der Nähe der Autobahn. Der Platz bietet einfache Sanitäranlagen und wird seit 1997 von der Caritas geführt. Die Kosten trägt der Senat. Andere Roma kommen in Riesen-WGs bei Bekannten und Verwandten unter oder campieren in den warmen Monaten an unauffälligen Plätzen unter freiem Himmel. Das Zusammenleben verläuft nicht immer reibungsfrei. Dennoch gehören die Saisonarbeiter seit vielen Jahren zum Alltag in der Hauptstadt. Das wissen die Berliner. Und auch die Behörden.

Wie aber kam es dazu, dass die rumänischen Roma aus Kreuzberg zum Politikum wurden? In die Öffentlichkeit gelangten sie vor vier Wochen, als Polizisten die Familien aus dem Görlitzer Park vertrieben, weil sie dort wild campierten. Mal ein Auge zudrücken, das tun Berliner Beamten jeden Tag, aber eine öffentliche Behausung mitten in der Stadt – das war offenbar zu viel.

Hier kamen die Linken ins Spiel: Die mehr oder minder autonome Szene in Kreuzberg – gut informiert über aktuelle Polizeimeldungen – eilte den Roma zur Hilfe und lud sie in „ihr“ Bethanienhaus ein. Doch die Hausverwaltung hatte das frisch renovierte Erdgeschoss für eine Kita reserviert. Niemand wagte es, die Unterkunft bei den legalisierten Hausbesetzern zu räumen. Bleiben konnten die Roma aber auch nicht, und so kam es zu Gesprächen mit Vertretern von Bezirk und Senat, die eine Woche liefen. In dieser Zeit benutzten die gut organisierten „UnterstützerInnen“ die obdachlosen Roma als Spielfiguren in ihrem Kampf gegen den Feind: Mit ideologisch aufgeheizten Botschaften inszenierten ihre Pressesprecher Politiker als Handlanger eines „faschistischen Staats“. Für sie selbst gab es auch Platz in dieser Inszenierung: als gerechte Revolutionäre.

Zum Höhepunkt des Spektakels gab die Gruppe eine Pressemeldung im Namen der Roma raus: „Heute am 28. Mai, haben wir, Roma-Familien zusammen mit Unterstützern, die Sankt Marien Liebfrauen Kirche besetzt.“ Doch die Familien hielten es im kleinen Gemeinderaum nur eine Nacht lang aus. Sie willigten rasch ein, vorübergehend in das Asylbewerberheim nach Spandau umzuziehen. Einige der „Unterstützer“ wollten sie davon abbringen, in das „menschenunwürdige Abschiebelager mit Stacheldraht“ zu gehen. Doch die Polemik ließ bald nach, in der letzten Erklärung hieß es: „Die Romafamilien werden aus dem Ausreisezentrum Motardstraße vertrieben“. Nun wollen sie gegen „staatliche Repressionen gegen Roma“ kämpfen und hoffen, dass die Familien bleiben. Denn ohne sie fehlt der Szene nicht zuletzt auch ihre Spielmasse für Revolution. Ferda Ataman

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