Roommate Speed Dating : Willst Du mit mir wohnen?

Beim „Roommate Speed Dating“ in einer Kneipe lernen sich WG-Mitbewohner kennen – auch heute. Da ist nur ein Problem: Die Zahl der Interessenten übersteigt das Angebot an Zimmern bei weitem.

Jana Scholz
In gemütlicher Runde kann man potentielle Mitbewohner kennenlernen.
In gemütlicher Runde kann man potentielle Mitbewohner kennenlernen.Foto: Björn Kietzmann

21 Uhr in Mitte. Bei Musik und gedämpftem Licht drängen sie sich zwischen Sofas und Sesseln, junge Leute mit gelben Aufklebern auf dem Pulli, und halten Ausschau nach den Leuten mit den grünen Aufklebern. Drei von ihnen stehen im Kreis um eine Frau mit dunklen Locken und grünem Aufkleber auf der Brust. Sie erklärt gerade in gebrochenem Englisch die Reinigungsgepflogenheiten ihrer WG. Nebenan preist Ryan, ebenfalls ein Grüner, sein Angebot an, ein unmöbliertes Zimmer in Neukölln.

Das Ganze nennt sich Roommate Speed Dating. Nach nach Art der Kontaktbörsen, bei denen es um die große Liebe geht, sollen hier Mitbewohner zu einander finden. Und kann Panikattacken auslösen: Für acht Angebote interessieren sich vier Mal mehr Suchende. Die übergroße Mehrheit an Menschen im Separee der „Volksbar“ in Mitte trägt den gelben Sticker „I need a room“. Grün mit „I have a room“ geht förmlich unter.

„Wohngemeinschaften sind wie Beziehungen“, sagen die Initiatorinnen Talitha Brauer und Annemarie Wolf. Deswegen datet man hier potenzielle Mitbewohner. Das Auslaufmodell seien die „WG-Castings“: Dabei lädt man Kandidaten zu sich nach Hause ein, um ihre Eignung zu testen. Das Roommate Speed Dating hebt die Wohnungssuche als soziales Ereignis auf eine neue Ebene – denn hier buhlen die Kandidaten zeitgleich um die WG-Zimmer-Anbieter, vorerst ohne die Wohnung selbst zu sehen, denn entscheidend sind hier die Menschen, mit denen man zusammen lebt.

Mit Glück zum Traum-Mitbewohner

Und wenn man Glück hat, trifft man ihn, den Traum-Mitbewohner. Brauer selbst suchte vor einem halben Jahr einen Mitbewohner und fand ihn sodann beim Speed Dating. Beide sind sogar Freunde geworden. „Schaltet man online bei ‚wg-gesucht‘ eine Anzeige für ein freies Zimmer, hat man in einer Stunde 50 Anfragen“, sagt der Anbieter Sebastian. Da sei es doch durchaus sinnvoll, die möglichen Mitbewohner alle auf einmal zu treffen. Und auch wenn man den Traum-Mitbewohner nicht findet, gibt es zumindest noch Freibier für diejenigen, die ein Zimmer anbieten.

Im Eingangsbereich der Volksbar haben die Veranstalterinnen Brauer und Wolf einen Stadtplan aufgestellt, die Eckdaten der WG-Zimmer-Angebote sind auf kleinen Zetteln auf der Karte platziert. Mit einem Bier, einem Longdrink oder einer Bionade in der Hand spricht man drauflos. Wie bei einer WG-Party eben.

Nur eine Zweck-WG wollen viele nicht

Sebastian und Christian suchen einen Mitbewohner, vielleicht auch eine Mitbewohnerin. In ihrer Vierer-WG in Prenzlauer Berg ist noch ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer frei. Es soll 350 Euro kosten. „Aber dafür hat es Stuck“, sagt Christian. Sie waren schon im vergangenen Jahr dabei – mit Erfolg. Die Freunde waren begeistert von dem Brasilianer, den sie hier kennen lernten. „Es hat sofort Klick gemacht“, sagt Sebastian und grinst. Doch das Dating klappte zu gut: mit der vierten Mitbewohnerin nämlich. Nach einem Techtelmechtel musste der Neuzugang wieder ausziehen. Ist das nicht ein schlechtes Omen für den neuen Mitbewohner? „Wir sind risikobewusst“, sagt Sebastian.

Die 21-jährige Sarah steht auf der anderen Seite: Sie ist neu in Berlin und hatte heute ihren ersten Tag als Studentin an der Evangelischen Hochschule. Sie wohnt, wie viele, die sich hier tummeln, noch zur Zwischenmiete. Ihre Ansprüche sind nicht hoch, aber wenn sie in der Nähe der Hochschule wohnen könnte, wäre das schon schön. Nur eine „Zweck-WG“, das will sie nicht. Vielleicht wird es ja was bei Sebastian und Christian, vorstellen kann sich die Kölnerin das schon. Und die Jungs haben ja auch mehr als nur Zweck-WG zu bieten: „Bei uns kann man ’ne Kamera anschalten und hat ’ne Reality Soap“, scherzt Sebastian.

Es ist kein klassisches Speeddating

Organisiert wird die Veranstaltung von der Online-Plattform „Dreamflat“, bei der die 31-jährige Talitha Brauer und die 29-jährige Annemarie Wolf arbeiten. Das Konzept kommt aus Frankreich, Brauer und Wolf adaptierten es für Berlin. Alle drei Wochen findet das Ganze nun in der Volksbar statt, am heutigen Mittwoch bereits zum 20. Mal. „In Berlin geht viel über Connections“, sagt Wolf. Deswegen wollen sie mit der „WG-Party“ ein Netzwerk schaffen, mit dem sich die Teilnehmer der Veranstaltung auch untereinander auf dem Laufenden halten.

Ein klassisches Speeddating, bei dem jedes potentielle Pärchen jeweils fünf Minuten Zeit hat, ist das allerdings nicht. Wer zuerst kommt, malt zuerst, und so muss jeder Suchende selbst sehen, wie er an die umgarnten Zimmer-Anbieter herankommt. „Ich fühle mich wie ein Football, der überall herumgereicht wird“, sagt Sebastian. Da bleibt nur eines – die Hoffnung auf eine Zeit, in der die grünen und die gelben Aufkleber zahlenmäßig im Gleichgewicht sind.

20. Roommate Speed Dating, heute, Mittwoch, 20. Mai, um 20 Uhr in der Volksbar, Rosa-Luxemburg-Straße 39, Mitte. www.roommate-speeddating.com

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