Berlin : Rosenstraße fünf bis sechs

In Margarethe von Trottas Film ist das Haus, das einst der Familie Nadel gehörte, nicht zu sehen

Benedict Maria Mülder

„Es ist schon witzig“, sagt der 80-jährige Ted Nadell aus Tel Aviv, als er mit seinem Sohn Giora wieder einmal die Rosenstraße in Berlin besucht, „da wird in Erinnerung an eine Widerstandsaktion gegen die Nazis ein Denkmal auf einem Grundstück errichtet, dessen Eigentümer bis heute nicht einmal entschädigt wurden“. Der geborene Berliner hat seinen Humor nicht verloren. Auch wenn buchstäblich Gras über die Sache gewachsen ist. Eine „frei zugängliche Grünanlage“, nicht größer als zwei Tennisplätze. Das 1995 eingeweihte Denkmal gilt den hunderten mutigen Frauen, die aus verzweifeltem Protest gegen die drohende Deportation ihrer jüdischen Männer Ende Februar 1943 für mehrere Tage in der Rosenstraße zusammengeströmt waren. Ein Zufall, dass der Rosenstraßen-Film ausgerechnet an dem Tag in die Kinos kommt, an dem sich die Nadells just in der Rosenstraße an das Haus erinnern, das ihnen einst gehörte?

Eine Litfaßsäule und eine Gedenktafel am Nachbarhaus, einem Hotel, gemahnen ein paar Meter weiter an die Vorgänge, die sich in der Rosenstraße 2 - 4, Ecke Heidereutergasse, vor und in der ehemaligen Sozialverwaltung der jüdischen Gemeinde im Frühjahr 1943 abgespielt haben. Den Grundriss dieses Hauses findet man im Gras nicht mehr, er lässt sich erahnen, wenn man das Foto des vierstöckigen Gründerzeitgebäudes auf der Litfaßsäule anschaut.

Nichts ist hier mehr, wie es einmal war. Die SED hat hier das neue, sozialistische Vorzeige-Berlin errichten lassen, hat den monumentalen Wohnungsbauten an der Karl-Liebknecht- und Spandauer Straße 1966 die historischen Häuserzeilen geopfert. Grundstücke wurden zusammengelegt, Straßen verrückt.

„Es ist eine Geschichte, die zurück zu meinen Wurzeln führt“, sagt Giora Nadell, „früher hat es mich nicht so interessiert, als mein Vater und mein Großvater darüber erzählten, sie haben wirklich viel verloren in Berlin. Jetzt ist es für mich wie in einem Film, ein Hauch von Melancholie“. Sein Vater ist ganz in der Nähe aufgewachsen. Erst wohnte er mit seinen Eltern am Zionskirchplatz, dann in der Lothringer-, heute Torstraße. Er weiß noch heute, wie der Schutzmann im Kiez hieß, dessen Tod damals Schlagzeilen machte: Paul Anlauf. Bei feierlichen Umzügen nahm der Mann mit der Pickelhaube den Rotzlöffel Theobald gerne Huckepack. Ein „freundlicher Schnauzbart“, erinnert sich Ted Nadell. Es war der sozialdemokratische Schupo, der zusammen mit einem Kollegen 1931 von dem Weddinger Kommunisten Erich Mielke, auf dem Bülowplatz, heute Rosa-Luxemburg-Platz, erschossen wurde.

Unweit davon, an der Ecke Münzstraße, führten der Vater und zwei Onkel, die aus Breslau stammenden Gebrüder Nadel, die Textilfirma „Masipa“, so genannt nach den Silben ihrer Vornamen Max, Siegfried und Paul, mit mehreren hundert Beschäftigten. Sie hatten gleich um die Ecke, in der Rosenstraße 5-6 ein Mietshaus mit einer Grundfläche von 203 Quadratmetern gekauft. „Es war eine Investition“, sagt Ted Nadell heute, „die keiner so richtig ernst genommen hat“. Wie hunderttausende anderer Juden nahmen sie auch nicht so richtig ernst, was sich um sie herum zusammenbraute. Ted Nadell erzählt, dass sein Vater erst mit der Bücherverbrennung 1934 „aufhörte, ein stolzer Deutscher zu sein“. Zwei Hitler-Jungen klingelten in der Torstraße, um dekadente Literatur einzusammeln, all die Dichter, die der Vater so mochte. Er gab ihnen sein Eisernes Kreuz, aus dem 1. Weltkrieg mit.

Ein Freund aus der Skatrunde seines Vaters war bei der SS gelandet und warnte ihn am 9. November 1938: „Pass auf, heute Nacht werden sie kommen“. Bald danach zwang man sie, die Firma zu verkaufen. 1939 gelang der Familie – dank des dritten Mannes in der Skatrunde, einem britischen Konsul – die Ausreise nach England und schließlich Palästina, wo sich Ted Nadell der Haganah, einer linken jüdischen Verteidigungsorganisation, anschloss und sein Vater wieder einen Textilhandel betrieb.

Die Rosenstraße sollte er nie wieder sehen. Sein Sohn konnte das Haus 1959 noch einmal in Augenschein nehmen. „Auf dem hölzernen Portier standen Nadels noch als Eigentümer“, erzählt er, der seinen Namen inzwischen mit zwei L am Ende schrieb.

Seit 1998 ist die Oberfinanzdirektion mit der Abwicklung der Entschädigung befasst. „Die Rückübertragung der Eigentumsrechte“, teilt die zuständige Senatsverwaltung für Finanzen mit, „ist als ausgeschlossen anzusehen, weil die Nutzung des Grundstücks dem Gemeingebrauch gewidmet wurde.

„Als die Fundamente für das Mahnmal gelegt wurden“, erzählt Ingeborg Hunzinger, die Bildhauerin, „waren wir sehr verblüfft. Wir haben gebuddelt und sahen, da hat mal etwas gestanden, die Einteilung der Räume war genau zu sehen. Sehr aufschlussreich“. Doch um diese Geschichte der Rosenstraße kümmerte sich niemand mehr, man ließ Gras darüber wachsen. Die Nadells haben den gleichnamigen Film noch am Abend gesehen, fanden ihn fantastisch – „schade nur, unser Haus haben wir darin nicht wiedererkannt“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben