Berlin : Rosinenbomber: Treibstoffdunst ist ihr Parfüm

Andreas Conrad

Was machen die da vorn im Cockpit eigentlich? Zehn Minuten stehen wir jetzt schon direkt vor der Tempelhofer Runway, mal heult der linke Motor auf, mal der rechte, Vollgas im Wechsel, aber warum? Eine Premiere, gewiss, aber doch wohl hoffentlich kein Testflug! Andererseits, was weiß man schon von einem Rosinenbomber, technisch gesehen? Ob besondere Checks gefordert sind oder die Piloten nur sicher gehen wollen - wer von uns Laien mag das beurteilen? Und überhaupt, ist dieses Gerüttel und Geschüttel auf der Stelle nicht schon Erlebnis genug? Dieser Treibstoff- und Abgasdunst, der über allem schwebt, da so eine DC-3 ja noch keine geruchsdichte Druckkabine besitzt. Dieses Summen, Donnern, Brausen, das jede Täuschung darüber ausschließt, dass man hier in einem Flugapparat sitzt und nicht etwa in einem klimatisierten Fahrstuhl.

Irgendwann ist das Wechselspiel der Motoren dann doch beendet, die Maschine biegt auf die Startbahn ein, ein synchrones Aufheulen - das Abenteuer beginnt. Hinten in der Kabine "Commander" Frank Hellberg, der seinen Air Service Berlin nach dem Wasserflugzeug auf der Spree in Treptow und dem Hi-Flyer vom Potsdamer Platz nun auch mit einem originalen Rosinenbomber ausgestattet hat. Vorne die Piloten Mathias Decker und Heinz-Dieter Kallbach, letzterer parallel Boeing-Pilot für Germania, bekannt geworden durch einen offenbar psychisch gestörten Passagier, der im März 2000 auf einem Flug von den Teneriffa nach Schönefeld randalierend ins Cockpit eingedrungen war und die Maschine fast zum Absturz gebracht hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. Obwohl, natürlich ist es die Zeit makabrer Gedanken. Das Hochhaus des Steglitzer Kreisels dort zur Linken? Gottlob in gebührender Entfernung. Später, nach dem sehr authentischen, mithin ungewohnt wackeligen Rundflug über Grunewald, Havel, Teufelsberg, Olympiastadion, Berliner Dom, liegt der Fernsehturm fast auf gleicher Höhe - alles ganz normal, nur ängstliche Naturen könnten jetzt verzagen.

Ein originaler Rosinenbomber also, 1945 gebaut, drei Jahre später nach Berlin eingesetzt, eine C-47, um genau zu sein, die Militärversion der DC-3. Wie viele Meilen sie schon auf dem Buckel hat? Frank Hellberg weiß das auch nicht so genau, hat immerhin sechs Kisten als Dokumentation der Geschichte seines Rosinenbombers mitbekommen, die muss er nur noch auswerten. Erworben wurde die DC-3 bei der britischen Gesellschaft Air Atlantique in Coventry, hatte dort als Frachtflugzeug, Kontrollmaschine gegen Ölverschmutzungen auf dem Meer, gelegentlich auch für Rundflüge gedient. Mittlerweile ist sie ganz auf Personentransport umgerüstet, mit rosa Gardinen vor den Fensterchen, braunen Ledersitzen und aller Sicherheit, die hier gefordert ist. Einen Namen hat die Maschine seit gestern auch: "Jack O. Bennett", nach dem ersten Luftbrückenpiloten, der erst vor wenigen Wochen in Berlin gestorben ist. Die Taufe hatte dessen Witwe Marianne übernommen, wie sich zeigte, geht das bei Schiffen leichter. Flugkapitän Kallbach musste reaktionsschnell zur Seite springen, um von dem schäumenden Nass nicht bekleckert zu werden.

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