Berlin : Rot-Rot in Berlin: Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Keine Viertelstunde dauerte die Konstituierung des rot-roten Senats, das übliche Zeitmaß für die Festlegung von Regularien. Also die Senatssitzungen beginnen nun dienstags eine Stunde später, um 10 Uhr. Nicht etwa, damit die Nachtschwärmer Klaus Wowereit und Gregor Gysi ausschlafen können, sondern damit beide Seiten mehr Zeit für Vorbesprechungen haben. Die Sitzordnung am Kabinettstisch musste auch festgelegt werden. Zur Linken hat der Regierende jetzt Bürgermeister Gysi, zur Rechten den Senatskanzleichef André Schmitz als helfende Hand, dann Bürgermeisterin Karin Schubert. Im Parlaments aber ist eine "Bürgermeister-Bank" reserviert. Neben Wowereit sitzen der Reihe nach Frau Schubert, Herr Gysi und - "Alt-Bürgermeister" Böger.

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Kurzporträt: Der neue Senat Gegen Mitternacht war trotz des Wahlchaos alles geschafft, und die Koalitionäre feierten bei Bier und Häppchen. Na ja, nicht sehr heiter. "Kein optimaler Start", fanden selbst die Fraktionschefs Michael Müller und Harald Wolf, aber "vielleicht ein lehrreicher Schock" - wegen der Regierungsfähigkeit. Nur Peter Strieder, nach seinem Fehlstart im ersten Anlauf sehr bedrippt, war schon wieder obenauf. Er scherzte forsch mit der Zigarre in der Hand. Damit hat er sich schon oft Sympathien verscherzt.

Für die gewesene Kultursenatorin Adrienne Goehler war die Senatswahl vor dem Hindernislauf gelaufen. Noch hatte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Gregor Hoffmann am Mikrofon das letzte Wort in der Grundsatzdebatte über Rot-Rot, da gab Frau Goehler ihre Stimmgewalt über das Ressort Wissenschaft/Forschung/ Kultur schon an ihren Nachfolger Thomas Flierl (PDS) ab. Sie überreichte ihm das Diensthandy. Dabei dachten doch alle, wenn schon ein Eklat, dann würde es Flierl und nicht Strieder treffen. In den spannenden Minuten der Stimmauszählungen war alles hoch nervös. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit aber erwartete seine Wiederwahl in demonstrativer Gelassenheit. Er schlenderte plaudernd durchs Plenum. Anders Gregor Gysi. Der versteckte seine Unruhe hinter demonstrativer Konzentration. Wie angewurzelt studierte er auf seinem Platz Papiere, unterstrich Passagen und machte sich Notizen.

Was Politiker im Wahlkampf erzählen, muss man nicht auf die Goldwaage legen. Damals meinte Klaus Wowereit zur Frage Rot-Rot, Gysi möge seinen Vereidigungsanzug als Senator nicht zu früh bügeln, bitte sehr. Nun fiel die Unterzeichnung der Koalitionsvereinbarung auf Gysis 54. Geburtstag, und der Regierende verehrte ihm schäkernd ein Reiseplätteisen. Jetzt war es an der Zeit, den bewussten Anzug herzurichten. Und überhaupt, damit er immer einen gepflegten Eindruck machen kann, wenn er als Bürgermeister und Wirtschaftssenator unterwegs ist. Gysi revanchierte sich mit dem Angebot an Wowereit, ihm einen Anzug zum Aufbügeln zu schicken. Doch da er sich darauf nicht versteht, frotzelte er: "Aber suchen Sie einen aus, auf den Sie nicht unbedingt angewiesen sind."

Schon am Montag begann der rot-grüne Abschiedsreigen. In der Staatssekretärskonferenz dankte André Schmitz komplimentreich allen Kollegen. Die Grünen Erika Romberg (Wirtschaft) und Bernd Köppl (Koordinator für Wissenschaft) müssen gehen. Einige SPD-Staatsskretäre wissen nicht, was aus ihnen wird, weil ihre Chefs nun PDS-Senatoren sind. Der Sekt perlte in den Gläsern, Schmitz wollte gerade Prosit sagen, da platzte Quasi-Staatssekretär Köppl heraus: "Die Wissenschaft in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!" Prustendes Gelächter. Da ließ er Erich Honecker gespenstern, dem kurz vor der Wende eingefallen war: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." - Schon wieder Götterdämmerung?

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