Berlin : Rot-weißes Gedränge

Zum Schweizer Nationalfeiertag gab es für die Berliner Lichtspiele und Zuger Kirschtorte

Sebastian Leber

Auch Legenden gehen mit der Zeit. Vor zwei riesigen Holzäpfeln posiert eine übergroße, geschnitzte Figur mit grauem T-Shirt und modischem Seitenscheitel. Damit auch der letzte Preuße versteht, um welchen Schweizer Nationalhelden es sich hier handelt, ist hinten auf dem Shirt noch ein großes „Wilhelm“ draufgepinselt.

Bereits zum sechsten Mal feiert die Schweizer Botschaft gemeinsam mit den Berlinern ihren Nationalfeiertag, Hunderte Besucher drängen sich vor dem „Haus der Schweiz“ an der Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden. Zur Erinnerung an die Gründung der Eidgenossenschaft am 1. August 1291 haben die Veranstalter zwei Musikbühnen und jede Menge Essensbuden aufgebaut. Weil Speisen und Getränke kostenlos sind, herrscht überall großes Gedränge. Wer eine Portion Äelplersalat – kalte Nudeln mit Erbsen und Käse – oder einen Choco Latte abbekommen will, muss dafür lange Schlangen in Kauf nehmen. Überhaupt kein Durchkommen gibt es vor dem Stand mit den „Zuger Kirschtorten“, doch ein Helfer weiß Rat und zerschneidet die Tortenstücke in viele kleine: „Auch wenn die Berliner Schnauze bekanntlich ziemlich groß ist, müssen Sie sich heute leider mit weniger begnügen.“

Auf der Bühne wechseln sich Alphornbläser und Jodler ab. Richtig laut wird es, als sich die 39 Männer der Luzerner Kapelle „Guggemussig Rüssiggusler“ samt Pauken und Posaunen auf die Bühne quetschen. Musiker Hans Althaus lobt das Berliner Publikum, auch wenn „für Luzerner Verhältnisse doch ein bisschen wenig gehopst und rumgeschaukelt“ wurde. Das mache aber nichts, dafür werde er sich am Abend mit seinen Musikerkollegen umso doller ins Nachtleben stürzen. Freudestrahlend steht der Schweizer Botschafter Werner Baumann in der Menge. Als Gastgeber sei er „glücklich und auch ein wenig stolz“, dass so viele Berliner den Weg zur Friedrichstraße gefunden hätten. Am Abend musste Baumann dann noch einmal in die Rolle des Gastgebers schlüpfen – diesmal für seine geladenen Gäste in der festlich illuminierten Schweizer Botschaft gegenüber vom Bundeskanzleramt.

Unter den Besuchern vor dem Haus der Schweiz finden sich auch eine Menge Eidgenossen – oft leicht zu erkennen an den roten Shirts mit weißen Kreuzen drauf. Werner Erbneter etwa lebt eigentlich am Bodensee, ist gerade auf Deutschland-Rundfahrt und wollte sich das Fest in Berlin nicht entgehen lassen. Das Bier und die kalten Nudeln schmecken ihm vorzüglich, und überhaupt werde sein Heimatland hier haargenau so dargestellt, wie es nun einmal sei: „Alles so furchtbar eng - das kenne ich von daheim.“

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