Berlin : Rückzug ins Private – Ehrenamtliche gesucht

Gesundheitssenatorin will Freiwilligenpass mit Vergünstigungen

Sabine Beikler

Sie lesen kranken Kindern vor, gehen mit älteren Menschen spazieren, sind als Trainer im Sportverein aktiv, kümmern sich um Obdachlose, arbeiten mit Jugendlichen oder sind zum Beispiel im Umweltschutz aktiv: Rund 600 000 Berliner über 24 Jahre engagieren sich ehrenamtlich und ohne Gehalt. Doch täuscht diese Zahl nicht darüber hinweg, dass die Bereitschaft, sich in Berlin freiwillig zu engagieren, weit unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Laut einer gestern vorgestellten Studie der Paritätischen Bundesakademie sind 24 Prozent der Berliner ehrenamtlich aktiv, während bundesweit immerhin 34 Prozent freiwillig arbeiten.

In der Studie, die im Auftrag der Senatsgesundheitsverwaltung erstellt worden ist, wird vor allem der Ost-West-Unterschied markant: Im Westteil haben mehr als ein Viertel ein Ehrenamt inne, im Ostteil dagegen nur ein Fünftel. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) macht dafür die Auflösung der alten Sozialstrukturen im Osten nach der Wende verantwortlich. „Im Westen hatten wir ja schon Einrichtungen wie Stadttteilzentren, Nachbarschaftsläden oder Selbsthilfegruppen.“ Außerdem hätten sich viele Ostdeutsche nach der Wende erst einmal ins „Private“ zurückgezogen und sich um ihre eigenen Lebensbedürfnisse kümmern müssen. „Das dauert, bis man die Menschen im Osten wieder zu mehr Engagement motivieren kann.“

Um das ehrenamtliche Engagement in Berlin zu stärken, will Knake-Werner den Freiwilligenpass einführen. Nach den Vorstellungen der PDS-Politikerin sollten die ehrenamtlichen Tätigkeiten von Aktiven dort aufgeführt werden; außerdem könnten die ehrenamtlichen Helfer damit auch billigere Eintrittskarten für Sport- oder Kultureinrichtungen erhalten. Kosten dürfe das alles aber angesichts der leeren Kassen aber „nicht viel“. Auch die Grünen haben sich bereits vor zwei Jahren für die Einführung eines Freiwilligenpasses ausgesprochen. Doch ob dadurch das ehrenamtliche Engagement gestärkt werden kann, wagt Elfi Jantzen, sozialpolitische Sprecherin der Grünen, zu bezweifeln. „Wir brauchen mehr kurzfristige Angebote, damit die Interessierten flexibler sein können.“

Das fordert auch der Paritätische Wohlfahrtsverband in Berlin. Nach amerikanischem Vorbild hat der Verband die Aktion „Heute ein Engel“ ins Leben gerufen. „Mit so genannten niederschwelligen Angeboten, wie zum Beispiel einmal im Monat in einem Kinderheim vorlesen, wollen wir Bürger Anreize geben, sich hin und wieder ehrenamtlich zu betätigen, ohne sich gleich fest zu binden“, sagt Sprecherin Elfi Witten. Im Berliner Wohlfahrtsverband arbeiten zurzeit 18 000 Ehrenamtliche – neben 43 000 hauptberuflichen Mitarbeitern – in der Jugendhilfe sowie im Gesundheits- und Sozialbereich.

Auch die Freiwilligenagentur „Treffpunkt Hilfsbereitschaft“ vermittelt interessierte ehrenamtliche Helfer. „Viele würden sich gern engagieren, wollen das aber auch anerkannt wissen“, sagt Susanne Fechner, die die Koordination leitet.

Um die ehrenamtliche Tätigkeit in einem angemessenen Rahmen zu würdigen, wird die Ehrennadel für das Engagement künftig im Rathaus überreicht. Der Senat hat überdies Staatskanzleichef André Schmitz im vergangenen Herbst zum „Bürgerschaftsbeauftragten“ ernannt. „In Zeiten knapper Kassen ist es vor allem wichtig, das ehrenamtliche Engagement gebührend anzuerkennen“, sagt Senatssprecher Günter Kolodziej.

Weitere Infos über ehrenamtliches Engagement unter www.berlin.de/beeport. Die Freiwilligenagentur „Treffpunkt Hilfsbereitschaft“ ist telefonisch unter 030-20 45 06 36 zu erreichen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband gibt telefonisch Informationen unter 86000 1181.

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