Ruinenlandschaft : Berliner Melancholie

Abblätternde Bilder, vergessene Dinge, aufgelassene Orte Ein kleiner Bildband des Fotografen Arno specht zeigt verwilderte, verwachsene, verwunschene Ecken.

von
Abblätternder Kommunismus. In aufgelassenen Sowjetkasernen bröseln allmählich die Verherrlichungsgemälde von der Wand.
Abblätternder Kommunismus. In aufgelassenen Sowjetkasernen bröseln allmählich die Verherrlichungsgemälde von der Wand.Foto: Arno Specht

Ist schon ein paar Jahre her, dass Arno Specht sich das Virus eingefangen hat. 2007 war das. Da hat er im Internet ein paar Fotos der Prachtbauten des auch gerne von Filmteams angesteuerten Sanatoriums Beelitz-Heilstätten gesehen. Er war sofort elektrisiert. Solche ansehnlichen Ruinen haben sie im aufgeräumten Baden-Württemberg nicht, spricht Specht bedauernd in seiner Amtsstube im Rathaus Tuttlingen ins Telefon. Eigentlich ist der 43 Jahre alte Journalist und Fotograf dort nämlich städtischer Pressesprecher. Und uneigentlich hat er jetzt im Jaron-Verlag einen zweiten kleinen Bildband mit Fotos aus Berlin und Brandenburg rausgebracht. „Berlin Souvenirs – Spuren der Vergangenheit“ heißt das Nachfolgebuch des vor zwei Jahren erschienenen Bandes „Geisterstätten – Vergessene Orte in Berlin und Umgebung“.

Diesmal sei es ihm auf seinen rund zehn Fotosafaris mehr um die in einem jeweils einseitigen Text anmoderierten Themenfelder wie „Zurückgelassenes“, „Ikonen des Kommunismus“ oder „Stuckwerk“ gegangen. Letztes Mal eher darum, Impressionen einzelner aufgelassener Orte wie Teufelsberg oder Spreepark einzufangen, sagt er. Herausgekommen ist eine angenehm beiläufig wirkende Versammlung bekannter und unbekannter vergessener Orte oder Gegenstände. Einiges davon hat man allerdings schon in anderen Bildbänden spektakulärer fotografiert gesehen. Der abblätternde Stuck im leeren Ballhaus Grünau etwa ist wohlbekannt. Ebenso die beliebte Sammlung von rostigen Fahrradleichen an den Straßenrändern der Stadt. Aber das verstaubte Laborgerät des inzwischen abgerissenen VEB Chromatron in Köpenick oder das einsame Klavier in einem verlassenen Krankenhaus bei Potsdam verströmen eine schöne Melancholie der Vergänglichkeit.

Wie man in diese verwunschenen Orte reinkommt? „Durch die Tür“, antwortet Arno Specht, der auch Fotos seines 18 Jahre alten Sohnes und einiger Freunde mit ins Buch aufgenommen hat. „Man wundert sich, aber die Gebäude stehen meistens offen.“ Er habe noch nie Brechstange oder Stemmeisen dabei gehabt. Das gilt auch für die mit satten Ölfarben zum Lobe des Sozialismus und der Roten Armee bemalten ehemaligen Sowjetkasernen in Jüterbog oder Krampnitz.

Deutlich verortet sind die von 2010 bis 2012 fotografierten überwucherten Hallen und verlassenen Möbel übrigens nicht. Das hat Specht mit Absicht gelassen. Er will nicht, dass alle Welt mit dem Buch in der Hand in den Ruinen herumspaziert. „Dann geht der Charme verloren“, sagt er. Und überhaupt, etwas Entdeckungsarbeit könne da ruhig jeder leisten. So wie er in Dresden, wo er gerade für ein neues Buch über verschwindende Orte marode Gemäuer fotografiert. Da seien die neuen Bundesländer mit ihren Umbrüchen für seine Leidenschaft ergiebiger als das heimische Baden-Württemberg. Specht lacht. „Hier wird alles sofort weggeräumt.“ Gunda Bartels

Arno Specht: Berlin Souvenirs – Spuren der Vergangenheit, Jaron Verlag, 128 S., 12,95 Euro

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben