Berlin : Rundum-Grün-Ampel soll Fußgänger besser schützen

Klaus Kurpjuweit

Autos haben an der Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße an allen vier Straßeneinmündungen gleichzeitig Rot - ADAC ist skeptischKlaus Kurpjuweit

Wer sich als Fußgänger an Ampelanlagen auf das grüne Licht verlässt und losgeht, riskiert zunehmend sein Leben. Die Zahl der Autofahrer, die bei Rot noch über eine Kreuzung preschen, nimmt auch nach Erfahrungen des ADAC zu. Gefährliche Situationen gibt es auch verstärkt zwischen Fußgängern und Rechtsabbiegern. Hier soll jetzt eine neue Ampelschaltung mit dem so genannten Rundum-Grün mehr Sicherheit bringen.

Die erste Schaltung dieser Art wird derzeit in der Senatsverkehrsverwaltung für die Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße in Kreuzberg vorbereitet. Ursprünglich sollte es noch in diesem Monat losgehen. Für Fußgänger gibt es dann an allen Ampeln gleichzeitig Grün. Damit sollen Konflikte mit rechtsabbiegenden Autos verhindert werden. Hier häufen sich zunehmend die Fast-Unfälle. Radfahrer müssen wie Autofahrer warten, wenn es für sie keine Extra-Ampel gibt. Oder sie müssen ihr Rad über die Kreuzung schieben; dann gelten sie als Fußgänger.

Wenn alle Fußgänger dann "Rot" haben, erhalten die jeweils gegenüberliegenden Straßen für die Autos Grün. Gibt es, wie an der Testkreuzung, keine Extra-Ampel für Radfahrer, bleiben sie bei der Geradeaus-Fahrt weiter durch rechtsabbiegende Autos gefährdet. Erst wenn es für alle Autospuren eine Grünphase gegeben hat, kommt wieder das Rundum-Grün für die Fußgänger. Wie sich die Wartezeiten für Fußgänger und Autofahrer verändern werden, war von der Verkehrsverwaltung nicht zu erfahren.

Viele Autofahrer fahren inzwischen los, so bald die Fußgängerampel auf Rot umspringt. Passanten, die bei Grün losgegangen waren, die Straße aber noch nicht vollständig überquert haben, werden dann beschimpft, wobei Autos zum Teil auch direkt auf sie zufahren. Auch BVG-Busfahrer fallen hier durch ein solches Verhalten auf.

Während Fußgängerinitiativen ein Rundum-Grün schon seit langem fordern, steht der ADAC der neuen Schaltung skeptisch gegenüber. Der Verkehr könne zu Gunsten der Fußgänger möglicherweise völlig zum Erliegen kommen, befürchtet das ADAC-Vorstandsmitglied Eberhard Waldau. Wenn die Fußgänger Grün haben, zeigen alle Ampeln für die Autos logischerweise Rot. Davon seien auch Busse und Straßenbahnen betroffen.

Waldau sieht aber auch Gefahren für die Fußgänger. Für sie würden die Rotphasen zwischen dem Rundum-Grün ebenfalls länger. "Einigen Fußgängern wird dafür mit Sicherheit die Geduld fehlen, und sie werden dann einfach bei Rot losrennen, wenn sich eine Lücke im Autostrom auftut", sieht Waldau voraus. Dass das Rundum-Grün in Städten wie Tokio funktioniere, lasse sich nicht ohne weiteres auf die Berliner Verhältnisse übertragen. Aber auch Nordrhein-Westfalen hat damit gute Erfahrungen gemacht.

Die Senatsverkehrsverwaltung, die in den vergangenen Jahren unter Führung der Senatoren Herwig Haase und Jürgen Klemann (CDU) das Rundum-Grün noch vehement ablehnte, verbindet den vom neuen Senator Peter Strieder (SPD) veranlassten Test an der Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße deshalb auch mit einer Vor- und einer Nachuntersuchung. Zehn Tage wird die derzeitige Schaltung durch Kameras überwacht, dann folgt eine Woche "Gewöhnungszeit", der sich dann der zweiwöchige Test wiederum mit Kameraüberwachung anschließt.

Nach der Straßenverkehrsvorschrift dürfen Fußgänger auch bei Rundum-Grün eine Kreuzung nur an den vorgesehenen Übergängen passieren. Diagonal über die Kreuzung zu laufen, ist nicht gestattet, betont die Polizei. Dabei könne man die Ampeln nicht erkennen, die auf die gerade Überquerung der Fahrbahn ausgerichtet seien.

Gefährdet bleiben Fußgänger auch beim Rundum-Grün durch Autofahrer, die bei "Tiefrot" noch über die Kreuzung preschen. "Hier sind die Sitten völlig verfallen", sagte ADAC-Sprecher Eberhard Lange, der betonte, dass der Automobilclub auch eine Verantwortung für die schwächeren Verkehrsteilnehmer habe. Die Straßenverkehrsvorschriften müssten eingehalten werden.

Die Polizei hat im vergangenen Jahr 29 282 "Rotlichtsünder" ermittelt, für die es dann Punkte in Flensburg gibt. 1670 Mal führte das Missachten der rot zeigenden Ampel zu einem Unfall. Aber auch 2251 Radfahrer, die das Rot ignoriert hatten, wurden von den Beamten gezählt. Bei Fußgängern wurden 606 Verstöße statistisch festgehalten - bei einer hohen Dunkelziffer, wie ein Beamter sagte. In 302 Fällen führte das Fehlverhalten der Fußgänger zu einem Unfall.

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