S-Bahn-Chef Peter Buchner : „Wir können Mängel lindern, aber nicht beheben“

Die Berliner S-Bahn soll bald wieder pünktlicher werden. Das verspricht ihr Chef auf seinem morgendlichen Weg ins Büro. Und verrät, wie er mit bettelnden Musikern umgeht.

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Der Chef als Fahrgast. Peter Buchner, Geschäftsführer der S-Bahn, fährt fast jeden Arbeitstag mit seinen Zügen von Babelsberg ins Büro am Nordbahnhof.
Der Chef als Fahrgast. Peter Buchner, Geschäftsführer der S-Bahn, fährt fast jeden Arbeitstag mit seinen Zügen von Babelsberg ins...Foto: Thilo Rückeis

Vor fünf Jahren fuhr die S-Bahn in ihre Krise. Wo kann man besser über die Entwicklung seitdem sprechen als in der S-Bahn selbst? Wir sind verabredet mit Peter Buchner, dem Chef des Unternehmens, zu einer gemeinsamen Fahrt in sein Büro. Abfahrt ist um 8.26 Uhr im Bahnhof Griebnitzsee. Die Bahn auf der Hinfahrt zum Treffpunkt soll um 8.17 Uhr ankommen. Wir fahren vorsichtshalber zehn Minuten früher - und kommen pünktlich an. Fünf Minuten vor der geplanten Abfahrt ist Buchner da. Und die Bahn zur Fahrt Richtung Nordbahnhof fährt auf die Minute genau im Bahnhof ein. Im Zug beachtet niemand den S-Bahn-Chef.

Herr Buchner, Sie fahren mit der S-Bahn zur Arbeit - haben Sie keinen Dienstwagen?
Doch, aber ich fahre lieber mit der S-Bahn. Das geht schneller und ist praktischer. Und ich kann unterwegs schon arbeiten.

Wie oft hat Sie Ihre S-Bahn denn schon im Stich gelassen?
Verspätungen erlebe ich natürlich auch selbst. Ich informiere mich vor der Abfahrt im Internet über die Betriebslage. Wenn es wegen einer Streckensperrung in ganz seltenen Fällen auf der Schiene gar nicht weitergeht, gehe ich noch einen Kaffee trinken.

Die Fahrgäste wird das nicht trösten. Wann wird man sich auf die S-Bahn wieder verlassen können?
Schon heute. Eine hundertprozentige Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit können wir bei diesem komplexen System nicht erreichen. Um den Jahreswechsel waren 97 Prozent unserer Fahrten pünktlich, bei fast 3000 täglich im Netz. Wir versuchen, aus dem vorhandenen Fahrzeugpark das Beste herauszuholen. Mehr Stabilität erhoffen wir uns von Neubaufahrzeugen, die hoffentlich bald bestellt werden können. Ich freue mich, dass wir durch Mehrbestellungen der Länder seit dem letzten Jahr sogar ein größeres Angebot fahren können als vor dem Einbruch. Die große Krise haben wir überwunden.

Auch wenn es jetzt beim ersten Schnee wieder verstärkt Ausfälle und Verspätungen gegeben hat?
Jede Störung ist eine zu viel. Aber die vorhandenen Fahrzeugbaureihen haben nun mal ihre konstruktiven Mängel, die wir zwar lindern, aber nicht beheben können. Winterliche Bedingungen stellen außerdem für jeden Verkehrsträger, der unter freiem Himmel fährt, eine Herausforderung dar. Wo ich noch Nachsteuerungsbedarf sehe, ist die Fahrgastinformation. Trotz neuer automatischer Anzeiger- und Ansagesysteme müssen wir noch kräftig besser werden.

( Die S-Bahn kommt in Wannsee an. Am Nachbargleis steht die S 7 Richtung Ahrensfelde bereit. Buchner steigt um, obwohl er mit der S 1 direkt bis zu seinem Büro am Nordbahnhof weiterfahren könnte.)

Warum bleiben Sie denn nicht bequem sitzen?
Ich wechsle die Strecken regelmäßig, weil ich möglichst viel von unserem Netz sehen und Schwachpunkte entdecken will.

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22.12.2015 15:35Platte Schnauze: So sieht Berlins neue S-Bahn aus. Vorgestellt wurde die Designstudie im Dezember 2015.

Sie wollen Schwachpunkte finden. Kennen Sie denn noch nicht alle?
Hier geht es mir um die kleinen Probleme im Alltag. Die großen bei der Technik haben wir analysiert und zum größten Teil, so gut es möglich war, beseitigt. Hier sind wir voll im Plan.

( Die S-Bahn fährt durch den Grunewald. Vor Jahren durften die Züge hier bis Tempo 100 aufdrehen. Jetzt ist bei 80 km/h Schluss, weil die Bremsleistung bei der Baureihe 481, von der es 500 Doppelwagen (bei der S-Bahn Viertelzug genannt) gibt, falsch berechnet war. Buchner schaut auf die parallele Avus und freut sich, weil die S-Bahn trotzdem die meisten Autos überholt.)

Der Vorsprung wäre noch größer, wenn wieder Tempo 100 gefahren werden könnte. Wann wird das möglich sein?
Vorläufig nicht. Wir haben nach Umbauten zwar intern nachgewiesen, dass wir auch bei Tempo 100 wie vorgeschrieben bremsen können, die Beschränkung ist aber noch nicht aufgehoben. Das hohe Tempo würde uns vor allem helfen, Verspätungen aufzuholen. Was den Betrieb viel mehr stört, ist die Vorgabe, dass wir bei einem Halt zeigenden Signal die Geschwindigkeit viel stärker drosseln müssen als eigentlich nötig, weil in der Vergangenheit einige Züge nicht rechtzeitig stoppen konnten.

Und wann wird sich hier etwas ändern?
Ich rechne damit, dass viele Geschwindigkeitsbeschränkungen in den nächsten Monaten wegfallen, was unsere Pünktlichkeit weiter verbessern würde. Wir haben, wie gesagt, das Bremssystem und auch die Kontrolle der Bremssandanlagen optimiert, so dass kaum mehr ein Zug mit einem leeren Behälter unterwegs ist und wir jederzeit beim Bremsen Sand auf die Schienen streuen können, was den Bremsweg verkürzt.

Sie müssen auch die älteren Baureihen umbauen, die 2017 ausgemustert werden sollten, nun aber weiterfahren müssen, weil neue Fahrzeuge nicht rechtzeitig vorhanden sein werden. Wie weit sind sie damit gekommen?
Im vergangenen Jahr haben Gutachter ermittelt, dass derartige Ertüchtigungen möglich sind. Wir sind dabei, das Paket zu schnüren. Noch sind wir nicht ganz sicher, was wir alles machen müssen. Und deshalb können wir auch noch nichts Definitives zu den Kosten sagen, über die wir dann mit dem Senat reden müssen.

(Buchner sitzt neben einer beschmierten Wand. Auch woanders im Zug gibt es Krakeleien, sogenannte Tags.)

Schmierereien sind zurzeit in vielen Zügen zu sehen. Haben Sie hier kapituliert?
Auf gar keinen Fall. Wir geben nach wie vor rund fünf Millionen Euro im Jahr aus, um Vandalismus zu beseitigen. Dazu gehören auch Graffiti – innen und außen am Zug. Seit neuestem sind die Farben aber so gemischt, dass wir sie nicht einfach abwaschen können. Wir müssen die Wände neu lackieren. Und das kostet Zeit in den Werkstätten, die uns für den Einsatz der Züge im Netz dann fehlt.

(Im Bahnhof Friedrichstraße steigt Buchner nochmals um - wieder in einen Zug der S 1, der Richtung Nordbahnhof fährt. Der ankommende Zug ist außen total beschmiert. Buchner ruft sofort die Transportleitung an und will wissen, ob dies schon bekannt ist. Ja, heißt es. Er werde bei nächster Gelegenheit in Wannsee getauscht.)

Herr Buchner, auf den Nord-Süd-Strecken durch den Tunnel sind die Bahnen oft unpünktlich. Wann wird der Fahrplan hier stabiler?
Wir leiden in unserem Netz unter den vielen eingleisigen Strecken in den Außenbereichen. Verspätungen lassen sich dort kaum kompensieren; sie werden fast immer auch auf den nächsten Zug übertragen. Zum Glück haben wir jetzt bei der Strecke nach Königs Wusterhausen im Bahnhof Wildau ein zweites Gleis erhalten, das den Betrieb gerade bei Verspätungen erheblich erleichtert.

Werden in absehbarer Zeit auch weitere Engpässe beseitigt?
Ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr auf der Strecke nach Strausberg Nord bei Hegermühle ein Ausweichgleis erhalten werden, so dass wir auch dort alle 20 Minuten fahren können. Der derzeitige 40-Minuten-Takt zwischen Strausberg und Strausberg Nord ist einfach unattraktiv. Und auch in Potsdam ist vorgesehen, ein zweites Gleis zwischen Babelsberg und dem Hauptbahnhof zu bauen, was den Zehn-Minuten-Verkehr stabilisieren würde. Aber wir sind nicht der Bauherr.

(Buchner verlässt am Nordbahnhof den Zug. Kein Fahrgast hat ihn auf der Fahrt angesprochen, kein Musiker um Geld gebettelt.)

Herr Buchner, was machen Sie, wenn Sie im Zug angebettelt werden?
Das beste Mittel bei Musikern ist, nichts zu geben. Wenn sich das Geschäft nicht mehr lohnt, werden sie auch nicht mehr auftreten.

Das Gespräch führte Klaus Kurpjuweit.

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