Berlin : S-Bahn will 800 Stellen streichen

„Erfolgsgeschichte“ mit Schönheitsfehlern: Unternehmen spricht von Sparzwängen

Christian van Lessen

Wegen „erheblicher Sparzwänge“ will die S-Bahn in den nächsten fünf Jahren 800 Stellen streichen. Die Bahn müsse spätestens 2013, wenn der Senat laut Verkehrsvertrag erste S-Bahnlinien auch an andere Betreiber vergeben könnte, voll wettbewerbsfähig sein, hieß es. Derzeit sind 3750 Mitarbeiter bei der S-Bahn beschäftigt. Unternehmenschef Günter Ruppert versicherte, die Arbeitsplätze in Werkstätten und in der Verwaltung sollten sozialverträglich abgebaut werden.

Es werde Vorruhestandsregelungen, auch das Angebot anderer Arbeitsplätze im Bereich der Deutschen Bahn AG geben, ergänzte ein Unternehmenssprecher. An Kündigungen sei nicht gedacht. Begründet wurde der Stellenabbau auch damit, dass die S-Bahn den Betrieb rationalisiert und den Fahrzeugpark modernisiert habe. Für 1,1 Milliarden Euro habe man in den letzten zehn Jahren neue Züge angeschafft, deren Durchschnittsalter sei von zuvor 43 auf sieben Jahre gesenkt worden. Alte, bis zu 60 Jahre alte Züge, die mit viel Personal in den Werkstätten gewartet werden müssten, gebe es nicht mehr. Die neuen Wagen bräuchten weniger Reparaturen. Zum anderen bereite man sich darauf vor, die Abfertigung auf den Bahnhöfen zu verändern. Die Fahrzeugführer erhalten mehr Kontrollmöglichkeiten – und können dann das Aufsichtspersonal auf den meisten Bahnsteigen ersetzen.

Die Ankündigung vom drastischen Stellenabbau trübte gestern die von Unternehmenschef Ruppert vorgestellte „Berliner Erfolgsgeschichte“. Er zog Bilanz von zehn Jahren S-Bahn-Berlin GmbH, die als Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG gegründet worden war. Der Bund investierte bislang über drei Milliarden Euro in die Wiederherstellung des S-Bahn-Netzes, innerhalb der Stadt und dem Umland wurden 16 Lücken im Streckennetz geschlossen. Verglichen mit 1995 fuhren im vergangenen Jahr 30 Prozent mehr Fahrgäste mit der S-Bahn, das Streckennetz vergrößerte sich seit Anfang der neunziger Jahre von 245 auf 331 Kilometer Länge.

Wegen des modernen Fahrzeugparks und weniger Baustellen werde es im nächsten Jahr möglich sein, den S-Bahn-Ring in 60 anstatt 63 Minuten zum umrunden. Züge im Berufsverkehr sollen möglichst alle vier bis sechs Minuten rollen, nicht mehr im Abstand von sechs bis sieben Minuten. Zur Fußball-Weltmeisterschaft plant die S-Bahn einen durchgehenden 24-Stunden-Betrieb. Nach der WM soll auch die Sanierung des S-Bahnhofs Ostkreuz beginnen.

Auf dem Südring ist vorgesehen, die Bahnhöfe im kommenden Jahr mit einem elektronischen „Reisenden-Informations-System“ (RIS) auszustatten, das Fahrgäste über die Abfahrtzeiten und Verspätungen der Züge informiert. Das System soll bis 2009 auf weiten Teilen des Netzes eingeführt werden, die Kosten betragen rund 43 Millionen Euro.

Ganz zufrieden ist die S-Bahn mit den Fahrgastzahlen nicht: Besonders im Freizeit- und Einkaufsverkehr will das Unternehmen mehr Kunden gewinnen. Deshalb beginnt jetzt eine Werbekampagne.

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