Berlin : Sägen im Akkord

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Von Jan-Martin Wiarda

Peter Jablonski fährt hoch hinaus. Die Teleskopstange schiebt sich aus ihrem Gehäuse, und der an ihr befestigte Korb, in dem Jablonski steht, steigt in die Krone einer ramponierten Linde. 15 Meter über der Schweinfurthstraße in Dahlem schüttelt der blonde Mann den Kopf und deutet auf beindicke Aststümpfe und klaffende Risse in der Rinde. „Der Baum ist nicht mehr zu retten“, sagt er ruhig und doch resigniert irgendwie. „Das muss alles weg.“

Jablonski ist einer von 100 Mitarbeitern des Naturschutz- und Grünflächenamts von Steglitz-Zehlendorf, die seit dem Orkan vergangene Woche in die Straßen und Parkanlagen des Bezirks ausschwärmen, um die Gefahr herabfallender Äste zu beseitigen. Steglitz-Zehlendorf hat es bei dem Sturm neben Reinickendorf am schlimmsten erwischt.

Es ist kurz vor neun. Ein paar Hütchen sperren die Straße. Eigenlich sind sie überflüssig, denn der orangefarbene LKW, von dessen Ladefläche die Teleskopstange mit Fahrkorb emporragt, füllt die Kopfsteinfahrbahn sowieso auf voller Breite. Den Kopf in den Nacken gelegt, beobachtet Amtsleiter Friedrich Dannenberg, wie Jablonski oben den Helm überstülpt und die Motorsäge anwirft. Nach einer dreiviertel Stunde wird von der Jahrzehnte alten Linde nur noch ein unförmiger Torso übrig sein.

Acht Firmen hat Dannenberg zusätzlich zu seinen Mitarbeitern beauftragt. Dennoch, so sagt er mit rotem Gesicht, kämen die Teams viel zu langsam voran. „Schauen Sie mal genau hin. Da ist kaum ein Baum dabei, bei dem keine Äste abgebrochen sind. Das Gefahrenpotenzial für Passanten kann man gar nicht dramatisieren. Es ist ein Wunder, dass ich nachts noch schlafen kann.“

Thomas Theel kommt hinter dem LKW hervor. Der bärtige Mann ist Leiter des Baumpflegereviers. 65 000 Straßenbäume gibt es im Bezirk; für die Hälfte ist Theel zuständig. Seit dem Orkan begutachtet er die Verwüstungen. 400 Kilometer Straße sei er abgefahren, erzählt er, kreuz und quer durch den Bezirk. „Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen und wo aufhören“, sagt er. „Es ist ja überall am schlimmsten.“

Jablonskis Motorsäge kreischt. Meterlange Äste krachen auf die Straße. Zwei Kollegen passen auf, dass keine Fußgänger unter Jablonskis Korb hindurchschlüpfen. „Dadurch geht uns viel Arbeitskraft verloren“, sagt Dannenberg. „Doch viele Passanten erkennen die Gefahr einfach nicht.“

Im Garten nebenan hockt ein Rentner im Baum und macht sich ebenfalls mit Motorsäge an Zweigen zu schaffen. Wacklig sieht das aus. Jablonski hat ihn vorhin schon aus seinem Korb beobachtet. „Eigentlich ist das gar nicht zulässig, wie der das macht, so ganz ohne Eigensicherung“, hat Jablonski da gesagt und mit den Schultern gezuckt.

Theel und seine Leute haben in den Tagen nach dem Sturm 12, 13 Stunden am Tag geschuftet, auch am Sonnabend. Zwei Mitarbeiter, erzählt Theel, hätten sich dabei so sehr verletzt, dass sie krank geschrieben werden mussten. Auf den einen fielen Äste, der andere hat sich schlimm verhoben. Theel wendet sich an seinen Chef. „Das muss man eben auch sagen, Herr Dannenberg. Ich muss aufpassen, dass die Leute nicht zu viel arbeiten. Sonst ist der nächste Unfall vorprogrammiert.“

Dannenberg nickt. „Es ist der Wahnsinn“, sagt er. Von Station zu Station, die der Amtsleiter mit seinem dunkelblauen Golf macht, schraubt er seine Schätzzahlen in die Höhe. In der Paulsenstraße hat er noch von 5000 beschädigten Bäumen im Bezirk geredet, am Kaiser-Wilhelm-Platz von 7500. Im Triestpark hält er bereits 10 000 für realistisch. „Bestimmt 500 davon sind komplett am Ende und müssen gefällt werden“, sagt er und sucht nach Worten. Nachher trifft sich Dannenberg mit seinem Chef Uwe Stäglin, dem Baustadtrat von Zehlendorf-Steglitz. Natürlich werde es auch um Geld gehen, sagt Dannenberg. Die beauftragten Firmen könne er zwar zunächst aus dem Haushalt bezahlen, doch irgendwann sei Schluss. „Die Fällung und Entsorgung eines Baumes kostet etwa 500 Euro“, rechnet er vor. „Und eine Baumnachpflanzung ungefähr das Doppelte.“

Peter Jablonski in seinem Fahrkorb ist inzwischen schon ein paar Bäume weiter. 150 Linden gibt es in der Schweinfurthstraße. 55 sind geschädigt.

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