Berlin : Samson Cioma Schönhaus (Geb. 1922)

Dokumentenfälschung steht unter Todesstrafe. Das kann ihm egal sein

Karolin Steinke

Im Alter von 20 Jahren taucht Cioma Schönhaus in Berlin unter. Ein Jahr später, im Herbst 1943, ist er ein steckbrieflich gesuchter Passfälscher. Und das, obwohl er als staatenloser Jude nie einen eigenen Pass besessen hat und jederzeit entdeckt und deportiert werden kann.

Aufgewachsen ist Cioma in Berlin-Mitte, Sophienstraße. Seine Eltern sind aus Russland gekommen und betreiben eine Mineralwasserfabrik. Cioma, das Einzelkind, ist künstlerisch begabt und will Maler werden. Die Kunstgewerbeschule muss er nach einem Jahr verlassen. Vater Boris drängt ihn, sich an die judenfeindlichen Gesetze zu halten: „Warum trägst du nicht den Stern?“ Doch Cioma glaubt nicht, dass er mit gelbem Stern sicherer wäre als ohne. Weil er als Rüstungsarbeiter unentbehrlich ist, wird er im Juni 1942 nicht zusammen mit seinen Eltern deportiert. Er sieht sie nie wieder.

Was auch immer dir im Leben geschieht: Mach’ das Beste daraus, es gibt immer einen Weg. Das wird Ciomas Leitspruch und Trost, ein Leben lang.

Überleben kann er nur in der Illegalität. Mit einem Freund, der ebenfalls untertauchen will, verkauft er den Hausrat der Eltern. Mit einer erfundenen Geschichte besorgt er Quartiere bei verschiedenen Wirtinnen. Und findet Gefallen daran, die Bestimmungen zu umgehen, wo es nur geht. Er ist jung, abenteuerlustig und schlagfertig.

Und es ergibt sich die Chance, seine künstlerische Begabung sinnvoll einzusetzen: Für einen Helferkreis evangelischer Christen aus der Dahlemer Bekennenden Kirche fälscht er erstmals einen Ausweis. So ein Dokument kann Leben retten. Ein als Elektrolager getarnter Laden in Moabit, den er sich mit einem anderen Untergetauchten teilt, wird seine Fälscherwerkstatt. Mit einer Ösenpresse ersetzt Cioma die Passfotos und zeichnet dann die Hoheitsadler sorgfältig mit feinem Pinsel und Tinte nach. Wenn der ursprüngliche, „arische“ Inhaber des Passes und der neue jüdische sich ähnlich sehen, muss Cioma die Fotos nicht mal austauschen. Freiwillige spenden über den Opferstock der Dorfkirche Dahlem mehr als zweihundert Ausweise. Nachdem sie durch Ciomas Hände gegangen sind, gehen sie an die Widerstandsgruppe, die sie an verfolgte Juden weitergibt. Dokumentenfälschung steht unter Todesstrafe. Das ist dem jungen Grafiker egal. Er hat nichts zu verlieren.

Cioma besorgt für sich selbst russische Papiere auf den Namen Pjotr Petrov. Damit kann er sich auf der Straße blicken lassen. Und er beginnt, das Leben auf Messers Schneide zu genießen. Er fühlt sich frei. Ihm ist, als würden seine Eltern zu ihm sprechen: „Du lebst unser ungelebtes Leben. Wir beschützen dich.“ Der große, schlanke Mann genießt das Leben, so gut er kann. Er hat Affären, er kauft sich ein Segelboot und schippert damit über die Havel. Das Ausweisfälschen im Akkord gibt seinen Tagen Struktur.

Als er seinen russischen Ausweis verliert, ist er in großer Gefahr. Er findet Zuflucht in der Wohnung der warmherzigen und klugen Helferin Helene Jacobs. Sie wird eine lebenslange Freundin. Ein Hinweis von Nachbarn führt zur Verhaftung von Helene und ihrem Helferkreis. Als nun auch die Kripo nach dem Passfälscher Samson Schönhaus fahndet, wird es brenzlig.

Cioma fasst einen kühnen Fluchtplan. Mit einem Fahrrad und falschen Papieren macht er sich im September 1943 auf in Richtung Bodensee. Sein Ziel ist die Schweiz. Ein Szenario für die Kontrolle hat er sich schon ausgedacht:

„Warum sind Sie nicht beim Militär?“

„Ich bin technischer Zeichner. Dienstverpflichtet. Acht Tage Erholungsurlaub.“

„Wohin fahren Sie?“

„Ins Blaue.“

„Warum mit dem Fahrrad und nicht mit der Bahn?“

„Ein anständiger deutscher Junge fährt nicht mit der Bahn. Räder müssen rollen für den Sieg.“

Dazu kommt es nicht. Aber bei Lindau stoppt ein junger Soldat den Radler. Er hält den gefälschten Wehrpass für echt und lässt ihn ziehen. Mit blutigen Ellenbogen robbt Cioma durch einen Bach in die Freiheit. Die Schweiz wird sein Paradies.

Cioma besucht die Kunstgewerbeschule in Basel und studiert Germanistik und Psychologie. Der Grafiker weiß, welchen Schaden Propaganda anrichten kann und bläut seinen Schülern ein: Werbung ohne Verantwortung ist gefährlich.

Er zeugt vier Söhne – das ist sein persönlicher Sieg gegen Hitler. Zwei Bücher schreibt er über sein Leben. Die Kinder sollen seine Geschichte kennen.

Ciomas Enkel werden christlich getauft. Er ist froh darüber, denn die Angst vor dem Judenhass sitzt tief. Warum Juden seit Jahrtausenden verfolgt werden, die Frage beschäftigt Cioma bis zum Schluss. Trotzdem verbittert er nicht.

Als ihn sein Sohn Beat einmal fragt, woran er erkennen kann, ob eine Entscheidung richtig ist oder falsch, antwortet er: „Alles, was zum Leben führt, ist gut.“

Seine Asche ist über seinem Lieblingssee bei St. Moritz verstreut worden. So hat er es sich gewünscht.

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