Berlin : Sanierung der BVG: Stockholm: Ein "Lachtherapeut" soll die Morgenmuffel erheitern

Jörgen Detlefsen

In Stockholm ist der Nahverkehr nach dem Wechsel der Betreiber zwar für den Steuerzahler billiger geworden, weil der Zuschussbedarf gesenkt wurde, doch die Fahrgäste müssen mehr bezahlen. Das Versprechen, die Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Freundlichkeit zu verbessern, hat die französische Connex-Gruppe des Vivendi-Konzerns nach der Übernahme der U-Bahn Mitte 1999 dagegen fast erfüllt. Connex "liefert" 99 Prozent der bestellten Leistung. Die versprochene Verbesserungsliste ist aber noch nicht vollständig abgearbeitet.

Seit Ende der 90er Jahre betreiben die bürgerliche Mehrheit im Stockholmer Rathaus und die Kreisverwaltung die Privatisierung öffentlicher Dienste, und inzwischen hat die von Stadt und Kreis getragene Verkehrsgesellschaft SL den gesamten Nahverkehr im Großraum Stockholm, - U-Bahn, S-Bahn, Busse und Fähren - an private Gesellschaften abgegeben. Die Muttergesellschaft CBEA der Connex kaufte 60 Prozent der Tunnelbanan AB (U-Bahn). SL blieb anfangs weitgehend noch Eigner des Netzes und der Fahrzeuge. Jetzt will die öffentliche Hand aber Neuinvestitionen verstärkt in so genannter "Private Public Partnership (PPP)" gemeinsam mit kommerziellen Betreibern finanzieren.

Dank gezielter Subventionierung und mit weniger "Autofreundlichkeit" nutzen in Stockholm mit einem Anteilvon 70 Prozent am Gesamtverkehr mehr Menschen den öffentlichen Naverkehr als in anderen europäischen Metropolen. Als die weltweit tätige französische Connex vor zwei Jahren die Stockholmer "Tunnelbanan" übernahm, befand sich dieses wichtigste Verkehrsmittel der schwedischen Hauptstadt mit - heute - über einer Million Fahrgäste pro Tag in einer kritischen Übergangsphase.

Der jahrzehntealte Fahrzeugpark wurde gerade mit von Adtranz gebauten Zügen erneuert, gleichzeitig stellte man das Signalsystem auf supermoderne Technik um. Dieses Doppelmanöver ging schief; die Kinderkrankheiten der Züge sowie der Elektronik führten zu täglichen Verspätungen und Ausfällen, die die Stockholmer in Rage brachten. Immer mehr Passagiere wichen auf Alternativen wie das eigene Auto aus. SL sah sich schließlich gezwungen, eine "Reisegarantie" auszusprechen: Wem eine Verspätung von mehr als 20 Minuten droht, dem erstattet SL die Kosten einer Taxifahrt.

Nächtliches Rowdytum in der Tunnelbahn, besonders an den Wochenenden, veranlasste SL, freitags und sonnabends ab Mitternacht nur noch Busse fahren zu lassen. Und zur Image-Verschlechterung trugen außerdem das gestresste Personal und die schmutzigen Waggons bei.

Mit dem Versprechen, diese Übel abzuschaffen, trat Connex als neuer Betreiber an. Dass viel erreicht worden ist, geht aber zum großen Teil auf das Konto der Steuerzahler; denn die Behebung der Startschwierigkeiten des Signalsystems und die Funktionsfähigkeit der neuen Züge gewährleistet SL. Die öffentliche und die private Gesellschaften arbeiten dabei Hand in Hand. Die Wahrscheinlichkeit, sein Ziel rechtzeitig zu erreichen, hat immerhin zugenommen.

Die weitgehend von SL übernommene Belegschaft knurrte zunächst über die härteren Anforderungen des privaten Arbeitgebers, inzwischen spornt aber die positive Reaktion der Fahrgäste auch das Personal an. So kann man heute erleben, dass die Zugführer nicht nur Informationen über den Lautsprecher verbreiten, sondern auch Scherze machen oder ein kleines Gedicht vortragen. Connex setzte auch schon "Lachtherapeuten" ein, um die Stimmung der Morgenmuffel in der Bahn zu heben.

Die Züge sind sauberer geworden, und zur erhöhten Sicherheit trägt die Anwesenheit von mehr Zugbegleitern bei. Die Tunnelbahn fährt auch wieder in den Wochenendnächten. Die Fahrscheinkontrollen sind verstärkt worden. Dabei werden auch ganze Stationen abgeriegelt und die Aussteigenden überprüft. Kritik erregte der Hinauswurf aller Bettler und Musikanten aus Zügen und Bahnhöfen. Neue, engere Sperren erschweren Schwarzfahrern, aber ebenso Fahrgästen mit sperrigem Gepäck das Hindurchschlüpfen.

Die Verbesserungsliste von Connex ist noch nicht ganz abgearbeitet; erst für 2005 verspricht man, den Stockholmern die beste Bahn Europas zu bieten. SL macht diese Verheißung für den gesamten Nahverkehr, doch die ebenfalls an private Betreiber abgegebene S-Bahn leidet heute unter noch größeren Problemen als einst die U-Bahn. Zu spät haben die Kommunalpolitiker neue Züge bestellt, und die gelieferten erwiesen sich als untauglich für das Stockholmer Schienennetz.

Insgesamt aber sinkt der Zuschussbedarf der öffentlichen Hand für den Nahverkehr rasch. Anfang der 90er Jahre kamen 70 Prozent der Mittel für den Betrieb aus der Steuerkasse, jetzt sind es nur noch gut 50 Prozent. Enttäuscht reagieren aber die Stockholmer auf die neuerliche Steigerung der Fahrpreise. Die Monatskarte wird demnächst von umgerechnet 95 Mark auf 105 Mark erhöht.

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