Schauplatz BERLIN Wer?  Wo? Wann? – Das Tafelrätsel : Das Lager am Rand der Stadt

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2857 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen jeweils herausfinden, ob Sie den Ort, die Person beziehungsweise das Ereignis kennen. Rätseln Sie mit bei Folge 22!

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Heute gehört das Dorf, bei dem dieses Lager angesiedelt wurde, zu Berlin. Damals lag sein Terrain zwischen Feldern, zu denen die Bauern mit Wagen voll Jauche gefahren kamen, die sie in Entwässerungsgräben pumpten. Berlin bereitete sich auf das weltgrößte Sportereignis vor. Für eine ethnische Minderheit, die das Erscheinungsbild nicht stören sollte, wurde hier ein Verbringungs-Camp, das die Behörden Rastplatz nannten, vorbereitet.

Bei einer Razzia, die um vier Uhr früh startet, werden 600 Frauen, Männer, Kinder mit Lastwagen vor die Stadt geschafft. Auf dem friedhofsnahen Platz haben Erdarbeiten begonnen. Teils steht das Gras meterhoch, nun wird gemäht, umgegraben, planiert. Die Internierten, von der Kripo aus ihren Wohnungen und Arbeitsverhältnissen gerissen, hausen nun in herangeschafften Baracken und Wohnwagen, wegen Raummangel auch unter den Wagen. Jauchedunst. Ungenießbares Wasser in neu gebohrten Brunnen. Zugefrorene Wasserstellen im Winter. Zwei Toiletten. Dramatische Hygienienesituation. 40 Prozent bekommen Krätze. Es verbreiten sich Scharlach, Diphterie, TB. Todesfälle. Neueinlieferungen. Belegungszahlen steigen. Neben der Polizeibaracke mit Suchscheinwerfer: ein Krankenzimmer. Aggressive Beamte als Wache, bissige Hunde zur Einschüchterung. Kein Zaun: Die Ablehnung der Insassen durch die denunziationsbereite Bevölkerung reicht. Nach Kriegsbeginn fliegen Granatsplitter von der Flak nebenan in die Unterkünfte. Für Besorgung von Lebensmitteln und zur Arbeit in der Kiesgrube, in Fabriken und zur Bombenräumung darf das Lager verlassen werden. Anfang März vor 70 Jahren werden die meisten Bewohner in ein Vernichtungslager transportiert.

Der Ort dieser Sammelstelle wirkt immer noch abgelegen, trotz Bahnhof und Wohnblocks in der Nähe. Gleise und Schnellstraßen riegeln den Platz, der nach einem Deportierten benannt ist, von Teilen des Quartiers ab: eine Sackgasse. Leere Gewerbekästen und ein kirchliches Jugendhaus  stehen hier einander gegenüber. Auf dem historischen Fleck wurden im Jahr 2011 Text-Foto-Stelen errichtet, die seine Geschichte dokumentieren. Drei dazugehörige Gedenktafeln befínden sich  nicht auf dieser historischen Parzelle, sondern fünf Minuten entfernt auf dem Friedhof: ein Findling von 1986, der neben dem Leiden der Eingesperrten „Befreiung durch die ruhmreiche Sowjetarmee“ erwähnt; eine Marmorplatte von 1990, eine Bronzetafel von 1991. Wer  hierhin gefunden hat, braucht nicht mehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Ausgrenzung funktioniert.

Was war das für ein Ort? Wo befinden sich die Tafeln? Die Auflösung finden Sie am Mittwoch unter www.tagesspiegel.de

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