Berlin : Schicke Schnauzen ohne Schnickschnack - Jörg Wiedner errang sogar einen WM-Titel

Christoph Stollowsky

Jörg Wiedner ist experimentierfreudig. Einmal hat er einem großen Pudel ein Schachbrettmuster auf den Rücken geschoren und ging danach mit ihm spazieren, um zu erleben, wie die Berliner reagieren. "Was glauben Sie, wie mich manche Leute beschimpft haben", sagt der gertenschlanke Mann mit den schwarzen Lederhosen und dem rot-weiß gestreiften Hemd und ist ein wenig obenauf wie ein Eulenspiegel des Berliner Hundelebens. Sein Styling war vielen Tierfreunden zu extravagant. Sie meinten, der Pudel werde von einem Lackaffen missbraucht, obwohl es einem Hund vermutlich egal ist, welche Frisur er trägt. Hauptsache, sie wird nicht unerträglich. Doch Jörg Wiedner wollte den Pudel ohnehin nicht zum wedelnden Kunstobjekt umgestalten. Das Schachbrett war ein Test. Es sollte ihn bestärken im eigenen Streben nach einer natürlichen Hundefrisur - schick, aber ohne Schnickschnack und Pomp.

Mit derart in Form gebrachten Schnauzen hat er sich im Frühjahr 1997 sogar weltweit einen Namen gemacht. Ein Bobtail war das Erfolgsmodell des heute 37-jährigen bei der Weltmeisterschaft für Hundecoiffeure in New Jersey. Dieses Tier frisierte Wiedner derart gegen den Strich, dass die Jury nach anfänglicher Verwunderung das offizielle Schönheitsideal geradezu als langweilig empfand. Laut Rassestandard soll das Fell eines Bobtails üppig wachsen, doch der Berliner schnitt es auf die Länge eines Berberteppichs zurück. "Schön flauschig, jugendlich leicht." Das brachte ihm einen WM-Titel und den Ruf als Top-Friseur für Hunde ein.

Spätestens seit diesem Meisterschnitt kann man Jörg Wiedner guten Gewissens in einem Atemzug mit Berlins Prominenten Friseur Udo Walz nennen, zumal Walz in Wiedners Kundenkartei auftaucht. Er läßt seinen Teckelmix regelmäßig im Salon des Kollegen am Hohenzollerndamm 3 in Wilmersdorf herrichten, denn alles, was Wiedner mit Wolle und Fell zuwege bringt, wirkt besonders, aber zugleich unaufdringlich. Gemäß seinem Ideal: "Den besten Schnitt soll man gar nicht als solchen erkennen."

Gerade bearbeitet er eine weiße Wolke. Tessi, der Pudelmix mit blütenweißem Fell, hockt auf dem Schurtisch. Wiedner faßt die Schnauze zwischen Daumen und Zeigefinger wie eine zerbrechliche Porzellanfigur und rasiert das Kinn. Lammfromm ist der kleine Kerl, nur zweimal kommt er ins Zappeln, weil er seinen Friseur so sehr mag. Dann schnellt die Zungenspitze heraus und berührt beinahe dessen Basecap. "Wichtig ist, dass mir die Tiere vertrauen", sagt Wiedner und legt mit der Effilierschere los. Letzter Pfiff für Tessis Rückenfell. Wuschelig soll es sein "wie ein Persianerlamm."

Bis zu seinem 21. Lebensjahr fegte Jörg Wiedner als Jockey über westdeutsche Galopprennbahnen. Dann war er, obwohl nach Boxermaßstäben ein Fliegengewicht, für diesen Beruf zu schwer. Eine Zeit lang organisierte er Modenschauen, arbeitete als Radio-Moderator, bis ihn seine Leidenschaft für Afghanische Windhunde und deren Outfit auf die neue Berufsidee brachte. "Wenn du Hunde frisierst, musst du vieles anders machen", nahm er sich vor. Dann schaute er der Zunft auf die Finger, reiste nach Paris, Manhattan und Singapur, um internationale Hundemaniküre zu studieren und betrieb von 1988 bis 1991 einen Salon im KaDeWe. Danach zog er zum Hohenzollerndamm.

Was Wiedner anders macht? Er verpasst keinem Hund einen "Anzug von der Stange" nach Rassevorschriften, denn "jedes Tier ist eine besondere Erscheinung, jeder Besitzer hat individuelle Wünsche." Deshalb hält Wiedner die Vorlieben und Eigenarten von Herrschaft und Hund auf einer Kundenkarte fest. Jeder Vierbeiner bekommt ein Gewand, das seinem Wesen entspricht. Die weiße Pudeldame verlässt den Salon heute als Schäfchen, der Bobtail wird in all seinem Überschwang ein flauschiger Geselle und ein tappiger Cocker bekommt ein Fell wie ein Puschlbär. Der Besitzer eines Terriers gab Wiedner anfangs Mut. "Sie sollen meinen Hund nicht nach Vorschrift scheren, sondern schön machen", hat er gesagt.

Der Pudelmix macht inzwischen Männchen. Wiedners Frau Marina hält ihn an den Pfoten hoch. Wie beim Lämmerscheren schnurrt der Elektroapparat über den Bauch. Wolleflaum weht zu Boden, nebenan wartet der nächste Kandidat schon gewaschen und gefönt auf des Meisters Hand. Eine "sportliche Kurzhaarfrisur" gab seine Besitzerin in Auftrag. Solche Schnitte sind en vogue, Hundehalter in der Stadt mögen es schick, aber pflegeleicht. Seit die Regierung bei ihrem Umzug etliche Vierbeiner nach Berlin mitbrachte, hat sich der Trend verstärkt.

Inzwischen geht Wiedner auch einstigen Schnüfflern aus den Rheinauen ans Fell. Bei ihm klingeln ohnehin die unterschiedlichsten Leute. Prominente wie Claudia Schiffers Visagist René Koch mit seinem Belgischen Hütehund, Kundschaft mit Scotch-Terrier im "Jaguar", aber auch Menschen, denen es schwer fällt, das Geld für den Hundefriseur aufzubringen, dessen Preise durchaus auf üblichem Niveau liegen. Eine alte Dame steckt jeden Tag eine Mark ins Sparschwein, damit ihr Toy-Pudel Wiedners Dienste in Anspruch nehmen kann, ein wohlhabender Hundefreund kaufte dagegen für seinen jungen Hütehund auch gleich einen Geländewagen, weil die neue Schnauze bald nicht mehr in den Porsche passt.

Vor ein paar Wochen war Wiedner in Tokio und zeigte japanischen Kollegen auf einem Workshop, wie man einen Bobtail mit Kamm und Schere kurz zurückschneidet. Dafür hat er eine eigene Technik entwickelt, obwohl sein Herz ja für die langhaarigen Afghanen schlägt. Ein solcher Salonlöwe, der etwas eigenbrötlerische "Aramis", gehörte viele Jahre zu seinem Geschäft wie die Sphinx zu den Pyramiden. Doch jüngst ist er gestorben. Nun sucht Wiedner nach einem neuen Gefährten, aber diesmal soll er aus dem Tierheim kommen und muss kein Rassehund sein.

Hauptsache, sein Fell eignet sich als Aushängeschild. Des Meisters Hand wird auch das Naturell einer Promenadenmischung trefflich zum Ausdruck bringen.

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