Schillerkiez : Eingreiftruppe für das Problemviertel

Drogen, Überfälle und heruntergekommene Häuser: Der Schillerkiez in Nord-Neukölln ist ein sozialer Brennpunkt. Eine „Task-Force“ soll das ändern.

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Hoffen auf die Task-Force. Bewohner der Okerstraße leiden unter den Zuständen in der Straße im Nordneuköllner Schillerkiez. -Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Horst Dierschke macht kurz Pause vom Bürgersteigfegen, stützt sich auf den Besen und erzählt: „Am Donnerstag haben sie im Spätkauf eingebrochen, am Samstag dann im Lottoladen. 75 Mal im Jahr kommt hier die Polizei. Die alten Leute trauen sich schon nicht mehr auf die Straße. Neulich haben sie einen in der Zinkwanne aus dem Hinterhaus geholt, goldener Schuss. Früher gab es hier ein Esslokal, Deutsche Küche, Erbseneintopf und so, dann hat ein Türke ein China-Restaurant daraus gemacht, jetzt ist eine Spielhalle drin.“

Die Okerstraße in Nord-Neukölln hat es nicht leicht. Horst Dierschke sagt „Ockerstraße“ wie alle Anwohner hier. Er trägt Wollmütze, Jogginghose und grüßt jeden zweiten, der ihm über den Weg läuft. „Ich war früher Bademeister im Columbiabad und Hausmeister bei Plus, dann bei Aldi. Ich kenne alle hier.“ Nur die fünf Streetworker der „Task Force Okerstraße“ kennt er noch nicht. Die sind seit November im Kiez, um das weitere Abgleiten in Kriminalität und Verwahrlosung zu stoppen. Das herkömmliche Quartiersmanagement, das es hier auch gibt, hat vor den massiven Problemen kapituliert. Arnold Mengelkoch, Sprecher der Task Force und Migrationsbeauftragter von Neukölln, sagt, die präventiven Projekte seien „an ihre Grenzen gestoßen“.

Im Fokus der Streetworker stehen die sogenannten „Problemhäuser“, das sind Mietshäuser in privater Hand, die sich selbst überlassen werden. Dort leben viele Roma-Familien, die tagsüber betteln gehen. Die eigentlichen Mieter machen ein Geschäft mit den oft hilflosen Zuwanderern. Schlafplätze werden für 100 Euro im Monat untervermietet. In einigen Wohnungen leben bis zu 20 Menschen. So lässt sich von der Wohnungsmiete, die das Jobcenter überweist, eine florierende Pension betreiben.

In einem dieser Problemhäuser wohnen Angelina Jankovic und ihr Enkel Mico. Vor 16 Jahren sind sie vor dem Bürgerkrieg in Bosnien nach Berlin geflohen. Sie leben von Sozialhilfe. Mico, 18, sucht einen Ausbildungsplatz. Er spielt Fußball mit anderen Jugendlichen aus der Straße. Das wird von der Task Force organisiert. Für die Roma-Jungs gibt es Boxen.

„Schlimm hier für die Kinder“, sagt Frau Jankovic. Der Hauseigentümer kümmere sich um gar nichts. „Ein Schrotthaus“ sei das hier. „Wie ein Asylantenheim“, findet Mico. Im Hinterhof liegen gebrauchte Computer und DVD-Spieler, an einem Fenster hängt eine Plastiktüte als Kühlschrankersatz, im Hinterhaus fegt ein Mann mit seiner Tochter den Plastikmüll von den Stufen. Woher er kommt? „Romania.“ Ein breitschultriger Kerl mit giftiger Miene mischt sich ein, spricht von Müll, kaputten Türschlössern, Ratten. Dass hier noch Menschen wohnen, wundert ihn nicht. „Das sind alles Schufa-Leute, die kriegen sonst keine Wohnung mehr.“ Schufa ist das Zentralregister für Schuldner.

Weiter westlich, an der Ecke zur Schillerpromenade, warten die Wirtsleute des „Schiller’s“ auf einen Aufwärtstrend im Kiez. Christina und Waldemar Schwienbacher haben das Lokal im Sommer übernommen. Vorher hatten sie ein Café am Ku’damm, konnten die Miete aber nicht mehr bezahlen. „Es kommen auch Studenten in die Kneipe“, sagt Christina Schwienbacher. Dann schalten sie die Espressomaschine an und servieren Latte Macchiato, wie früher am Ku’Damm. Studenten und Künstler sind die Pioniere der Gentrifizierung. Wegen der Schließung des Flughafens Tempelhof steigen schon jetzt die Mieten. Investoren haben sich eingekauft. Auch hinter den Problemhäusern vermuten viele eine Wette auf die Zukunft, wenn aus der Flughafenbrache ein attraktiver Landschaftspark geworden ist. Linksautonome begreifen das Task-Force-Projekt als weiteren Schub zur Kiezaufwertung. Das Büro wurde schon mehrfach attackiert.

Die ersten Gäste im Schiller’s sind heute zwei Männer in Arbeitsklamotten. Sie bestellen Schultheiss aus der Flasche und verscheuchen eine gebeugte Frau mit Kopftuch, die ein paar Cent erbetteln möchte. „Der Kiez verslumt“, sagt Thomas Reineck, Maler- und Lackierermeister, zurzeit in Weiterbildung. „Die Polizei anzurufen, bringt nichts. Das geht hier in Richtung Selbstjustiz.“ Er könne nicht wegziehen, wegen der billigen 150-Quadratmeterwohnung mit Modellbahnkeller.

Auch Avni, 23, ein schmächtiger Mann mit Migrationshintergrund Kosovo, will hier nicht weg. Wegen des Jobs. Vor drei Wochen hat er im Multimedia-Spätkauf mit Internet-Café und Spielautomaten angefangen, zwei Überfälle hat er schon verletzungsfrei überstanden. Beim ersten Mal bedrohten ihn Araberjungs mit dem Messer und knackten die Automaten, beim zweiten Mal kam „ein besoffener Rumäne“ und wollte 200 Euro von ihm. Einfach so. Als er die Polizei alarmierte, schraubte der Rumäne seine Forderung auf 400 Euro hoch. Die Polizei brachte ihn nach Hause, dann kam er wieder und zertrümmerte die Schaufensterscheibe.

Avni steht an seiner Kasse, aufrecht, angstfrei, unerschüttert. Jetzt lächelt er sogar. „Die Leute sind wirklich gestört hier.“

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