Berlin : Schlacht ums Zentrum

29. April 45: Die Russen stehen im Regierungsviertel

Richard Lakowski

In der Nacht zum 29. April 1945 lässt Hitler einen Standesbeamten in den Bunker der Reichskanzlei bringen. Nachts gegen 1 Uhr heiratet er Eva Braun. Etwa eine Stunde später diktiert Hitler der Sekretärin sein Testament, in dem er Großadmiral Dönitz zum Reichspräsidenten und Oberbefehlshaber der Wehrmacht bestimmt. Der Diktator hat seine Flucht aus der Verantwortung vorbereitet.

Bereits seit fünf Tagen hat der besetzte Teil Berlins in dem Oberbefehlshaber der 5. Stoßarmee, Generaloberst Bersarin, einen sowjetischen Stadtkommandanten. Der Schwerpunkt der Kämpfe verlagert sich stündlich in das Regierungsviertel.

Im Bunker der Reichskanzlei hat man zu dem Zeitpunkt nicht nur den Überblick über die Gesamtlage verloren, sondern auch über die in der unmittelbaren Umgebung. „Der Panzerbär“, Goebbels’ letztes Propagandablatt für Berlin, spricht am 29. April lediglich vom „Eindringen des Feindes in den inneren Verteidigungsring“, von Norden nach Charlottenburg und von Süden über das Tempelhofer Feld. Gekämpft würde am Halleschen Tor und am Alexanderplatz.

Den Befehl über die Soldaten im „inneren Verteidigungsring“, auch Abschnitt Z genannt, hat der Generalmajor der Waffen-SS Mohnke. Ihre Zahl, vermutlich 3500, schwankt wie auch ihre Zusammensetzung. Je tiefer die sowjetischen Truppen in den Abschnitt Z eindringen, desto heftiger wird der Widerstand, aber auch zunehmend aussichtsloser. Der 29. April ist ein Sonntag, um den Bunker der Reichskanzlei schlagen immer wieder Granaten ein. Die Zeitunterschiede verwischen sich für die Insassen, deren Verbindung zur Außenwelt sich auf ein Minimum beschränkt. Aus mühsam eingeholten Informationen, unter anderem über das noch zum Teil funktionierende Telefonnetz, geht hervor, dass Widerstand noch in drei Gebieten geleistet wird. Eines ist ein Kessel im Osten, bestehend aus Teilen der Bezirke Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte, einer befindet sich im Westen mit Kern in Wilmersdorf, dazu kommen isolierte Inseln bei den Pichelsdorfer Havelbrücken und auf der Pfaueninsel.

Hitler erkennt, dass das Ende unmittelbar bevorsteht. Einen verzweifelten Ausbruchsplan des Stadtkommandanten, General Weidling, lehnt er ab. Gegen 23 Uhr ergeht der verzweifelte, immer wieder zitierte Funkspruch an den außerhalb Berlins agierenden Chef des Wehrmachtführungsstabes General Jodl: „Wo stehen Wencks Angriffsspitzen? Wann greifen sie wieder an? Wo ist die 9. Armee? Wohin bricht die 9. Armee durch? Wo stehen die Spitzen von Holstes XLI. Panzerkorps?“

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