Berlin : Schlachten mit Tradition

Heute beginnen die Muslime das islamische Opferfest

Suzan Gülfirat

„Wir schicken schon seit Jahren Geld in die Türkei“, sagt Hatice Kücük. „Hier weiß man doch nicht, wo das Fleisch herkommt und wie es geschlachtet wurde.“ So wie die 48-jährige Schönebergerin machen es die meisten der knapp 200 000 Muslime in der Stadt: In ihrer Heimat haben sie eine Person ihres Vertrauens beauftragt, ein Schaf, eine Ziege oder Kuh zu schächten und das Fleisch an Bedürftige verteilen. So schreibt ihnen das die Religion vor. Doch auch einige Schlachthöfe im Umland werden am heutigen Sonntag Schächtungen vornehmen.

Beim Opferfest spielt das Schächten (Schlachten ohne Betäubung) eine zentrale Rolle. Es ist im Judentum und im Islam die rituelle Schlachtung in Anlehnung an das abrahamitische Opfer. In Deutschland dürfen seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vor zwei Jahren nicht nur die Juden, sondern auch die Muslime schächten, aber weder in Berlin noch in Brandenburg sind in den Landesämtern Anträge von Muslimen auf eine Sondergenehmigung eingegangen. In Berlin gibt es ohnehin nur noch eine einzige Schlachterei mit einer eigenen Fleischerei, die in Alt-Glienicke im Stadtteil Treptow/Köpenick ihren Sitz hat.

Dabei herrschten hier früher andere Verhältnisse. „Zu DDR-Zeiten wurden bei uns Tausende von Tieren geschächtet“, erzählt der heutige Besitzer Frank Jörg Staske. Diplomaten aus allen islamischen Ländern seien mit Familienangehörigen und Freunden das ganze Jahr über in der Schlachterei seines Vaters vorgefahren, hätten Schafe und Lämmer gekauft, die sie anschließend geschächtet hätten. In der DDR sei das nicht verboten gewesen. „Jetzt haben wir nur noch die jüdische Gemeinde als Kunden“, sagt er. Warum die muslimischen Kunden seit dem Fall der Mauer nicht mehr kommen, kann er nur vermuten. „Ich bin zu teuer“, sagt er. In einem Schreiben der Senatsverwaltung habe er gelesen, dass es der Islam nicht zwingend vorschreibe, die Tiere ohne Betäubung zu schlachten.

Viele türkische Händler, aber auch Privatkunden werden deshalb heute ins Umland fahren und Tiere ganz legal mit Betäubung schlachten lassen. Trotzdem wird es auch dieses Jahr wieder Gerüchte über unerlaubtes Schächten ohne Betäubung geben. Das Karlsruher Urteil, das gerade mit diesen Vorurteilen aufräumen und die Schächtung legalisieren sollte, scheint ins Leere gelaufen zu sein.

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