Berlin : Schlange stehen für die Lehrstelle

Letzte Hoffnung für viele Jugendliche: Die Nachvermittlungsbörse bei der Industrie- und Handelskammer

Annette Kögel

Wie viele Bewerbungen er schon geschrieben hat? „So an die fünfzig“, sagt Sascha Wolf. Jetzt hofft der 22-Jährige endlich auf eine positive Antwort bei der Lehrstellensuche – Fachinformatiker will er werden. Sascha Wolf gehört zu den rund 1500 Jugendlichen, die noch bis Freitag die Nachvermittlungsbörse der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer und der Bundesagentur für Arbeit besuchen: die letzte Hoffnung für viele junge Berliner, die zum Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September noch keine Stelle gefunden haben.

Die Nachfrage im Haus der IHK an der Fasanenstraße 85 in Charlottenburg ist groß: Um an einem der Tische mit einem Arbeitsberater und einem Unternehmensvertreter Platz nehmen zu können, stehen die Jugendlichen draußen Schlange. Sascha Wolf bringt für seinen Traumjob eigentlich gute Voraussetzungen mit: Immerhin hat er im Gegensatz zu vielen anderen Lehrstellenbewerbern das Abitur in der Tasche, wenn auch mit einem Schnitt von 3,4. „Ich würde mir seine Bewerbungsunterlagen genauer angucken“, sagt Ulrich Wiegand, Geschäftsführer der Handwerkskammer, selbst jahrelang im Personalwesen tätig. Was sind die häufigsten Fehler? „Einige fotokopieren Bewerbungsbriefe einfach, legen Zeugnisse mit Flecken bei“, sagt Wiegand. Vielfach seien die Unterlagen unvollständig oder nicht individuell auf den Arbeitgeber zugeschnitten. Wiegand: „Da wird dann nur das Adressfeld neu beschriftet.“ Der Experte rät von standardisierten Mappen ab: „Die Bewerbung sollte ein individuelles Abbild der Persönlichkeit sein.“

Sascha Wolf hat sich Mühe gegeben. Er habe seine Briefe jedenfalls immer anderes formuliert, sagt er. Jetzt hat der junge Mann immerhin Adressen weiterer potenzieller Ausbildungsbetriebe erhalten, in seinem Klarsichthefter steckt zudem ein Zettel mit der Abkürzung EQ. „Einstiegsqualifizierung“ heißt das ausgeschrieben, eine neue Möglichkeit für Lehrstellenanwärter: Jugendliche können ab dem 1. November ein halbes Jahr bis zwölf Monate ein berufsvorbereitendes Praktikum bei einem Betrieb absolvieren. In Berlin will man bei bislang zehn Branchen 700 solcher Praktika akquirieren, 275 Plätze stellen Einzelhandel und Gaststättengewerbe schon bereit. Fürs Praktikum erhalten die Jugendlichen 192 Euro monatlich plus Sozialversicherungsbeitrag, finanziert wird das Programm über die Bundesagentur für Arbeit. Wie Sascha Wolf sind in dieser Woche weitere 5500 ausbildungsfähige Jugendliche, die am Stichtag 20.September unversorgt waren, zur Nachvermittlungsbörse eingeladen. Rund ein Drittel von ihnen kommt, die anderen haben zwischenzeitlich eine andere Alternative gefunden – oder sind resigniert. 2003 konnten 72 Prozent der Jugendlichen zumindest „Vermittlungsvorschläge unterbreitet werden“, hieß es bei der Handwerkskammer.

Sascha Wolf steht indes noch vor ganz anderen Lebensaufgaben; er ist neu in Berlin. Sascha ist mit seinem Vater aus Jena hergezogen, die Mutter musste sich in Dresden eine neue Heimat suchen. Auch aus beruflichen Gründen: Der alte Arbeitgeber der Eltern hat Stellen abgebaut.

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