Berlin : Schloss Bellevue: Leben nach Art der 50er Jahre

Elisabeth Binder

Eine schmale, niedrige Tür führt vom Arbeitstrakt in die Privatwohnung. Dahinter verbergen sich 94 Quadratmeter im 50er-Jahre-Stil. Langer, schmaler Flur mit Wandschränken, kleine viereckige Zimmer. Der Balkon immerhin blickt in einen schönen, mit bunten Blumen bepflanzten Garten. Wir befinden uns im Schloss Bellevue, in der offiziellen Dienstwohnung des Bundespräsidenten. So schön der Ausblick, so bescheiden das Interieur. Kein Manager von einigem Rang würde sich mit solchen Verhältnissen zufrieden geben. Und doch ist es diese Wohnung, die der Staat bislang offiziell seinem höchsten Repräsentanten zubilligt.

Das hat historische Gründe, obwohl sich die Historie, zumindest was den großen Umzug der Politik betrifft, ja durchaus Zeit genommen hat. Ministerialdirektor Walter Karschies hat die Umzugswirren um das Schloss genau verfolgt. 1959 wurde das im Krieg zerstörte und dann wiederaufgebaute Schloss als Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten übergeben. Dessen Hauptsitz lag damals in Bonn, in der Villa Hammerschmidt. Die Wohnräume im Südflügel waren gewissermaßen als Zweitsitz gedacht, als Aufenthalt für die kurzen Perioden, in denen der Bundespräsident in Berlin repräsentierte. Nach dem Fall der Mauer war lange nicht klar, wo der Bundespräsident und sein Amt ihr endgültiges Berliner Zuhause finden würden. Als die Entscheidung gefallen war, wurde die Wohnung zunächst nur für einige Übergangsmonate benötigt, weil Richard von Weizsäcker ein Haus in Dahlem bezog. In seiner Amtszeit gab es immerhin schon mal eine vorläufige Renovierung des Schlosses.

Die Frau des jetzigen Bundespräsidenten, Christina Rau, entschied sich vor allem ihren drei Kindern zuliebe gegen das Schloss als Familienwohnsitz. Mal abgesehen davon, dass 94 Quadratmeter einer so großen Familie mit einem so großen Hund recht wenig Platz geboten hätten; das Leben im Schloss hätte die Freiheit der Kinder doch empfindlich eingeschränkt. Da kann man eben nicht mit seinen Schulfreunden so ganz unbefangen rein- und rauslaufen.

Roman Herzog und Frau Christiane waren bislang die einzigen, die als Präsidentenpaar eine ganze Amtszeit lang im Schloss Bellevue wohnten. Das bedeutete wahrscheinlich eine deutliche Einschränkung des Lebensstandards. Hinter allen Ausgangstüren wachen Kameras. Privatsphäre zu schaffen, ist schwierig. Vom Hof aus könnten die Mitarbeiter und Sicherheitsleute den Bewohnern glatt beim Umkleiden zusehen. Frühstück leger kann man vergessen. Zudem ist jeder Quadratmeter ausgenutzt mit Wandschränken und Kommoden. Der Flur: ein enger dunkler Schlauch. Vom Balkon wurde ein Stück abgezwackt und in einen Wintergarten verwandelt; das war der Frühstücksplatz in Herzogs Amtszeit. Kleine weiße Kachelquadrate in der Küche wirken wie ein Zeittunnel in die 50er Jahre. Der frühere Bundespräsident hat den Grundriss gerne mit einer Kaserne verglichen: Geht man den Gang runter, liegen die Zimmer links, geht man zurück, liegen sie auf der anderen Seite. Das quadratische Wohnzimmer ist etwa 35 Quadratmeter groß, viel Staat ist damit nicht zu machen. Die konventionellen Sitzarrangements passen wahrscheinlich am besten. Das Bett im unter zwanzig Quadratmeter kleinen Schlafzimmer würde man nach angelsächsischen Maßen eher als Queen-size, denn als King-size einstufen. Es gibt zwei kleine Bäder; Toilette allerdings nicht abgetrennt, wie es mittlerweile sogar in einigermaßen luxuriösen Hotels Standard ist. Hölzerne Rollläden werden mit vergilbten Zugbändern herabgelassen. An die Wohnung anschließend, aber nicht mehr dazu gehörig, befinden sich zwei kleine Salons für Vier-Augen-Gespräche mit den Großen und Mächtigen dieser Welt. Mit seinem Vorschlag, einen Bungalow in den Schlosspark zu bauen, hatte Herzog Anfang 1998 allerdings empörte Diskussionen ausgelöst - und dies vier Jahre nach der Verlegung des Amtssitzes.

Die Villa Hammerschmidt in Bonn wurde zwischen 1950 und 1994, als sie dem Bundespräsidenten als Amtssitz diente, mehrfach restauriert. Bundespräsident Gustav Heinemann etwa ließ das oberste Geschoss umbauen, das seitdem bis 1994 den Bundespräsidenten als Privatwohnung diente.

Das Schloss Bellevue müsste längst dringend von Grund auf saniert und auf den Standard der Jetzt-Zeit gebracht werden. Die Gas-, Elektro- und Wasserleitungen stammen noch aus den 50er Jahren. Gelegentlich fällt das Licht auch mal ganz aus. Das passierte schon mal beim Staatsbesuch, aber auch mal bei einem Konzert. Es gibt keine Befeuchtungsanlage und nicht mal eine Klimaanlage. Immerhin werden dort hochrangige Gäste aus aller Welt empfangen, die sich auch mal einen Eindruck davon verschaffen wollen, wie es sich in einem wirtschaftsmächtigen Exportland so lebt. Etwa 40 Millionen Mark würde die Restaurierung des Schlosses kosten.

Wenn die erstmal in Angriff genommen wird, dann bleibt es wahrscheinlich auch dabei, dass für künftige Bundespräsidenten gar keine Dienstwohnung direkt im Schloss mehr vorgesehen sein wird. Die bisherigen Räume könnten zu dringend benötigten Umkleide- und Erfrischungsräumen für Staatsgäste umgebaut werden. Bei einem viel fotografierten Besuch mit einer ununterbrochenen Abfolge repräsentativer Termine kann es ja durchaus ganz gastfreundlich sein, eine Ruhezone zum Beispiel zum Kleidungswechsel oder zur Make-up-Erneuerung anzubieten. Außerdem fehlen derzeit noch Räume für Diners mit 30 bis 40 Personen. Um die zu schaffen, könnte man Zwischenwände entfernen. Zur Zeit hat der Bundespräsident die Wahl, in seinem Amtssitz entweder gleich 140 Personen zum Essen einzuladen oder es bei 20 Personen zu belassen, allein die praktische, mittel-intime Größenordnung ist nicht vorgesehen.

Eine dauerhafte Lösung für den künftigen Privatsitz müsste im Zuge der Restaurierung allerdings auch gefunden werden. Die jeweiligen Amtsinhaber müssen den geldwerten Vorteil für ihre Dienstsitze aus eigener Tasche bezahlen, da darf man ihnen vielleicht auch eine gewisse Erwartungshaltung zubilligen.

Bundespräsident Johannes Rau lebt bekanntlich mit seiner Familie in der Amtsvilla des Bundestagspräsidenten. Die stellte ihm Wolfgang Thierse zur Verfügung, weil er selber lieber in seiner eigenen Wohnung in Prenzlauer Berg am Kollwitzplatz bleiben wollte. Für künftige Bundestagspräsidenten käme nun auch die ebenfalls in Dahlem gelegene Kanzlervilla in Frage. Denn der Bundeskanzler verfügt auch über Privaträume in seinem neuen Amtssitz.

Da die Häuser von verschiedenen Institutionen verwaltet werden, stehen wahrscheinlich noch einige Komplikationen ins Haus. In den letzten Nachbeben des großen Bonner Provisoriums sind ein paar kleinere Notlösungen vielleicht noch okay. Irgendwann allerdings werden auch Staatsgäste die repräsentativen Gebäude nicht mehr an gehabtem Umzugschaos messen, sondern an dem, was dieses Land wirtschaftlich darstellt. Bis zu diesem Zeitpunkt dürften es, bei Licht betrachtet, im Schloss Bellevue nicht nur ein paar neue Leitungen sein.

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