Berlin : Schlüpfgeschichten, Elfenkäppchen

Die gläubige Muslimin Emel Algan hat Alternativen zum Kopftuch erfunden. Die Leute behandeln sie jetzt „wie einen normalen Menschen“

Christine-Felice Röhrs

Als Emel Algan ihr Kopftuch abnimmt, kommt kurzes Haar zum Vorschein, modisch fransig. „Wildes Haar!“, sagt Algan mit theatralisch aufgerissenen Augen und wuschelt mit beiden Händen durch. Dann ein Kichern. Emel Algan ist etwas ketzerisch veranlagt. Als gläubige Muslimin hätte sie über Frauenhaar in der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht sprechen sollen, geschweige denn es entblößen, unschicklich ist das. Aber sie ist auch ein fröhlicher Mensch, und vielleicht ist ihr größtes Verdienst in der Kopftuchdebatte, dass sie versucht, sie ein wenig zu entspannen. Einen Kompromiss zu finden.

Emel Algan hat Kopftücher erfunden, die nicht wie Kopftücher aussehen. Der Sinn: Einerseits ermöglichen sie es, Haar und Hals zu bedecken, wie Tradition und Schamgefühl es verlangen. Andererseits wirkt, wer sie trägt, weniger fremd, draußen in der nicht-muslimischen Welt. Modische, manchmal auch seltsame Kreuzungen aus allem, was man sich aufs Haar setzen könnte, sind Algans Anregungen. Schleierhüte könnte man sie nennen. Oder Wickelkapuzen. Es gibt da ein Modell aus hellgrünem Filz, das aussieht wie ein Elfenkäppchen: tief heruntergezogen, mit Zipfeln, die über den Ohren ein bisschen abstehen und unten angenähtem Wollstreifen, der über Nacken und Dekolleté fällt, im Wintermantel aber aussieht wie ein normaler Schal. Andere Modelle, „Schlüpfgeschichten“ nennt Algan sie, lassen sich über den Kopf streifen wie Skimasken, was die Wickelei, die Stecknadeln, die Knoten und die rutschfesten Untertücher überflüssig macht, die normale Kopftücher halten. Neun Modelle sind es mittlerweile, zwei Berliner Hutmacherinnen haben sie für Algan angefertigt.

Algan, die auch Chefin des Islamischen Frauenvereins ist und damit von vier Kindertagesstätten, hat das nicht als Politikerin getan. Zwar hat sie nun doch Innensenator Ehrhart Körting einen kopftuchpolitischen Brief geschrieben und angeregt, statt des angedrohten Verbots in der Berliner Verwaltung ihre Versionen einer Haarbedeckung zu akzeptieren – sie sehen ja nicht aus wie muslimische Schleier und können deshalb auch nicht religiös beeinflussen. Aber Emel Algan hatte die Idee schon zwei Jahre bevor das ganze Theater begann, da war sie gerade 40 geworden. Anders aussehen wollte sie damals. Dahinter stand eine Art Abnabelung.

Jahrzehntelang hatte Algan, aufgewachsen in der deutschen Provinz, in Lehrte und Hückeswagen, das Kopftuch da schon getragen. Der Vater, ein Arzt, hatte nie Druck ausgeübt, und so empfand das Mädchen es auch nie als Zwang. Aber so ganz allmählich, vielleicht mit dem Umzug in die Großstadt, vielleicht mit dem Studium oder dem wachsenden Zutrauen zur eigenen Tatkraft, kam das Bedürfnis sich abzugrenzen. „Es gibt da eine bestimmte Gruppe von Kopftuchträgerinnen…“, sagt Emel Algan an diesem Nachmittag im Büro des Frauenvereins, „… ich wollte einfach nicht sein wie sie. Frauen, die meinen, sie könnten nichts, die meinen, sie dürften keine Macht ausüben.“

Emel Algan ist eine seltsame Mischung aus Tradition und Moderne, Glaube und Zweifel. Sie ist tief religiös, sie hat früh geheiratet und sechs Kinder bekommen. Bevor sie ihr Kopftuch ablegt, schließt sie die Jalousien. Andererseits sagt sie Sachen wie: „Ich lasse mir von niemandem etwas vorschreiben, nur von Gott.“ Der menschengemachten Religion misstraut sie mehr und mehr. „Islam als Wort heißt Frieden“, sagt sie. „Muslime sollten friedensbewegte Gläubige sein. Aber was sie aus der Religion gemacht haben, ist ein starres, kontrollbedürftiges System, aggressiv und trennend.“

Algan sagt, das sie zurzeit Ordnung schafft, in ihrem persönlichen Verhältnis zur Religion: Sie stellt Fragen. Im Koran stehe kein konkretes Gebot, den Kopf zu bedecken, nicht einmal ausdrücklich in den Hadithen, den Überlieferungen von den Taten und Sprüchen des Propheten, die zudem über die Jahrhunderte oft auch verfälscht worden sind, mit Absicht oder aus Unwissenheit. „Es wird da viel geredet über die Schutzbedürftigkeit von Frauen“, sagt Algan. „Nur frage ich mich, wovor wir uns schützen müssen? Wir leben doch nicht unter Monstern.“

Mit Kopftuch war sie fremd, „niemand hatte Interesse an mir“, sagt Algan und man sieht, wie hart es gerade für sie, die Quirligen, Rede- und Zugewandte war, sich ausgegrenzt zu fühlen. Mit ihren Hüten auf dem Kopf statt dem Tuch wurde es anders. Die Leute auf der Straße, in der Bahn oder in der Schlange beim Bäcker behandeln sie jetzt „wie einen normalen Menschen“, sagt sie – und dass sie weiter forschen wird nach dem Sinn religiöser Vorschriften. Vielleicht steht am Ende ja die Entscheidung, gar keine Kopfbedeckung mehr zu tragen.

Mädchen, die über eine Alternative zum traditionellen Kopftuch nachdenken, berät Emel Algan gern. Telefon: 694 94 07. Algans Hutmacherinnen sind Susanne Gäbel, „Salon Hüte & Accessoires“, Bleibtreustraße 40, und Doreen Persche, „Kleemann Hüte“, Schönhauser Allee 131. Preise: ab 50 Euro.

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