Schnapsidee in Prenzlauer Berg : Der Doktor der Trinkkultur und die Spirituosen

Im Schnaps ist Wahrheit. Findet jedenfalls Thomas Kochan, ein Ethnologe, der in Prenzlauer Berg Spirituosen verkauft. Er muss es wissen: Er hat seine Doktorarbeit über Trinkkultur in der DDR geschrieben.

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Thomas Kochan hat einen Schnapsladen, weil er keine Hausbar möchte. In seinem Laden in Prenzlauer Berg gibt’s nur Brände ohne künstliche Zusätze.
Thomas Kochan hat einen Schnapsladen, weil er keine Hausbar möchte. In seinem Laden in Prenzlauer Berg gibt’s nur Brände ohne...Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Dr. Kochan Schnapskultur? Wenn der Name mal nicht ein windiger Marketinggag ist. Worin sollte der Inhaber der gleichnamigen Spirituosen-Handlung in Prenzlauer Berg wohl promoviert haben. In Schnapsologie, Spiritualität oder Destillation? Haha! Kann ja eigentlich nur so sein, dass Ladenbetreiber Thomas Kochan ein Doktor der selben Spaßfakultät wie Doktor Motte ist.

Doch wie falsch ist dieser zynische Gedanke! Wo doch im klaren Brand per se nichts Trübes steckt. Dass das so ist, stellt sich ein Weilchen später beim Besuch des Ladens in der Immanuelkirchstraße heraus. Der existiert seit zwei Jahren und spricht sich unter Freunden des Spirituellen immer mehr herum. Ratsch, schnarrt hier mittags um zwölf geschäftig der Rollladen hoch. Der Schnapshändler stellt eine Tafel raus und kehrt den Bürgersteig vor dem Geschäft. Das sieht schon mal solide aus. Und setzt sich drinnen fort, wo Thomas Kochan im mit schlichten Regalen und ein paar Retromöbeln bestückten Laden über seine Getränke, Motive und natürlich die akademische Laufbahn aufklärt.

In den Regalen stehen feine Fläschchen in allerlei Geschmacksrichtungen.
In den Regalen stehen feine Fläschchen in allerlei Geschmacksrichtungen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sein Doktortitel, der ist echt. Den hat sich der 1968 geborene und in Cottbus aufgewachsene Ethnologe an der Humboldt-Uni rechtschaffen erforscht, um nicht zu sagen ertrunken. Seine Doktorarbeit zur Trinkkultur in der DDR liegt seit 2011 auch in Buchform vor und hat ziemlich eingeschlagen. „Blauer Würger – So trank die DDR“ ist bei Aufbau erschienen und brachte dem Autor in Boulevard-Blättern gar den Titel „Promille-Papst“ ein. Wenn in Sachen Saufen in der DDR ein Experte gesucht wird, würde er seither angefragt, erzählt er seufzend. Dabei sei er nach zehn Jahren Ost-Forschung – vorher schon in zwei Büchern zur Hippie-Subkultur – mit dem Thema ziemlich durch.

„Wenn du nüchtern bleiben willst, trink Schnaps.“

Immerhin hat Kochan im Buch mit dem hartnäckigen Vorurteil aufgeräumt, dass Ossis sich den Sozialismus mit einer fest im Fünf-Jahres-Plan eingetakteten Produktion von Billigfusel schön trinken mussten: Mit 11 Litern Reinalkohol im Jahr trank der Schnaps favorisierende DDR-Bürger gut einen Liter Reinalkohol weniger als sein Wein bevorzugender bundesrepublikanischer Bruder, hat Kochan ermittelt. In einem Schoppen Riesling sei nun mal mehr Alkohol als in vier Gläsern Korn, untermauert Thomas Kochan die von ihm verbreitete Weisheit: „Wenn du nüchtern bleiben willst, trink Schnaps.“

Das klappt ganz gut, wenn man sich bei „Dr. Kochan Schnapskultur“ mit Bedacht durch die Regale probiert. Keine Farbstoffe, keine künstlichen Aromen, kein Fusel aus industrieller Produktion. Was es hier gibt, sind handwerklich gut und nachhaltig gemachte Brände, Liköre, Whiskys aus kleinen Familien- oder Klosterdestillerien. „Mit einer Idee dahinter“, wie Thomas Kochan sagt. Darunter angesagte Neuschöpfungen wie der von Fachblättern gelobte Gin „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald, den ein ehemaliger Kunstbuchverleger brennt (32,90 Euro). Oder der seit 100 Jahren im gleichen Tonkrug verkaufte Ur-Gin aus Westfalen: Doppel-Wacholder von Eversbusch, seit 1780 hergestellt (11,90 Euro).

Von diesen Himbeeren sollte man lieber nicht zu viel essen.
Von diesen Himbeeren sollte man lieber nicht zu viel essen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nach der Whiskey- und Wodka-Welle rolle gerade die Gin-Welle, sagt Kochan, der aus seiner Leidenschaft für Spirituosen nach dem akademischen Titel einen Beruf gemacht hat. Und das, obwohl er nicht mal aus einer Familie von genusssüchtigen Schnapsdrosseln stammt. Seine Eltern seien eher Asketen, sagt er. Und auch studentische Barkeeper-Jobs hat er ausgelassen, als er 1990 zu seinem ersten Studium, dem der Bibliothekswissenschaft, zur Freien Universität ging. Seine Faszination käme über die Handwerkskunst, sagt er, „wie sie sich im klaren Produkt destilliert“.

Spirituosenkonsum als Hochgenuss

Doch nicht nur Klares ist Wahres. Auch der dunkelbraune Rachenputzer „Bruns Bitter“ mit der herb-medizinischen Note aus 35 verschiedenen Blüten, Kräutern und Wurzeln ist ein ehrliches Getränk. Ebenso der golden funkelnde Klosterlikör der Benediktiner-Abtei St. Ottilien am Ammersee. Das vom 80 Jahre alten Kellermeister Bruder Erwin hergestellte Überraschungsgetränk gleitet honigsüß am Gaumen vorbei und entwickelt erst im Schlund eine kräftige Kräuternote. Von Postversand halten die autark und bäuerlich wirtschaftenden Mönche nichts. Den Likör erhält Selbstabholer Kochan an der Klosterpforte. Gutes aus Klöstern? Die pittoreske Sparte beschickt doch auch schon „Manufaktum“, der Edel-Versand für nostalgisch veranlagte Besserverdienende. Kochan nickt. „Den haben die Mönche aber abgelehnt“, triumphiert der selbst ernannte „Missionar der Schnapskultur“.

Wenn es nach ihm geht, hat Spirituosen trinken nämlich nichts mit Jägermeister kippen in Großraumdiskos oder Doppelkorn verdampfen im Schützenvereinsheim zu tun, sondern mit höherer Lebensart. Leider völlig nüchtern betrachtet. Alles, was mit Rausch zu tun habe, sei nicht so seins, sagt der Familienvater. Ihn interessiere Alkohol als Geschmacksträger. „Ich trinke ihn nur in ganz kleinen Schlucken. Wenn die Wirkung einsetzt, ist bei mir der Spaß schon lange vorbei.“

Schlimm, diese verkopften Akademiker. Mit Schnaps wollen sie handeln, aber einen Schwips haben wollen sie nicht. Umso sympathischer, dass Thomas Kochan die Schnapskultur hierzulande so ausbauen will, bis deutsche Mittagspausen österreichischen ähneln. „Die trinken nach dem Essen ganz selbstverständlich einen Zirbenschnaps, gehen eine Runde spazieren und arbeiten weiter.“ Tu felix, Austria, hicks.

Dr. Kochan Schnapskultur, Immanuelkirchstraße 4, Prenzlauer Berg, Mo-Fr 12-20 Uhr, Sa 11–17 Uhr, www.schnapskultur.de

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