Berlin : Schöne Visionen vom Friedensreich

In der Gethsemanekirche hegt der Pfarrer eine verrückte Hoffnung

Sebastian Leber

Zum Glück geht die Schule bald wieder los. Denn solange Ferien sind, finden in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg keine getrennten Kindergottesdienste statt. Und das bedeutet: Die Kleinen sitzen bei den Erwachsenen und langweilen sich furchtbar. Oder suchen sich selbst eine Beschäftigung. Da wird am Daumen gelutscht, da fliegt Holzspielzeug laut polternd auf den Boden. Ein Junge liegt quer auf der Bank und blättert im mitgebrachten Bilderbuch. Immerhin, es ist die Geschichte der Arche Noah.

Eltern können mit ihren Kindern in den Nebenraum gehen: In der Sakristei liegt ein Teppich zum Krabbeln aus, es gibt Papier und Stifte. Und die Eltern können über Lautsprecher der Predigt von Heinz-Otto Seidenschnur lauschen. Dem Pfarrer, der hier vor drei Jahren mit dem katholischen Priester Gotthold Hasenhüttl ein gemeinsames Abendmahl feierte. Obwohl der Papst den ökumenischen Akt untersagt hatte, kamen 2000 Christen beider Konfessionen.

Auch heute steht bei Heinz-Otto Seidenschnur das Verbindende im Mittelpunkt. Er erinnert an den Propheten Jesaja und dessen Vision von den Völkern, die zum Berg Zion ziehen (2, 1-4). Und wie sie Gott erfahren und dann nicht mehr mit Schwertern aufeinander einschlagen, sondern „ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln“ machen. Natürlich denkt Seidenschnur dabei auch an den Libanon. Auf Details des aktuellen Krieges geht er aber nicht ein.

Nur: „Lasst endlich die Waffen ruhen und redet, redet, redet, bis es eine Lösung gibt!“ Und wie unbegreiflich es sei, dass Jesaja schon vor mehr als 2500 Jahren die richtigen Worte fand und dass man sich diese Worte von Generation zu Generation weitergibt, aber trotzdem nicht danach handelt. Dabei könne jeder seine Schwerter zu Pflugscharen machen. Dafür müsse man nicht im Nahen Osten leben, das gehe auch hier, im Alltag jedes Einzelnen. Und wie er das sagt, so persönlich mit „ich“ und „du“ und „wir“, wie er beim Reden die Arme ausstreckt, ständig Blickkontakt sucht: Man möchte aufspringen und laut zustimmen. Ob die Eltern im Nebenraum genauso mitgerissen sind?

Zugegeben, die Friedensvision sei verrückt, sagt Heinz-Otto Seidenschnur. Genauso irrsinnig wie Jesajas Visionen neun Kapitel später. Wo der Prophet vom kommenden Friedensreich erzählt. Mit Wölfen, die bei den Lämmern wohnen, mit strohfressenden Löwen und kleinen Kindern, die ohne Gefahr mit Giftschlangen spielen können.

Das klinge schon alles ziemlich verrückt, gibt der Pfarrer zu. Aber er hat noch ein Wortspiel parat: „Nur die verrückte Hoffnung verrückt auch die Sicht auf die Realität.“ Und dass sich Gott, der eine Gott aller Völker, als Träger dieser Hoffnung anbiete. Sagt er und verabschiedet sich mit einem „Schalom, Salem, Frieden auf Erden“. Ja, so könnte es gehen, denkt man sich. Ein kleines Kind hält es nicht mehr auf der Bank. Vielleicht möchte es auch bloß das Kirchenschiff erkunden.

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