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Schöneberg : Demonstranten protestieren gegen Gema-Reform

Bei einer Demonstration an der Gema-Zentrale in Schöneberg trafen Clubbetreiber auf Rechteverwerter. Beide Seiten redeten ausschweifend – nur nicht miteinander.

von und Jan Stremmel
Tanzen verboten? 4000 Clubbesitzer und -besucher wollten am Donnerstag gegen die Tarifreform der Gema demonstrieren.
Tanzen verboten? 4000 Clubbesitzer und -besucher wollten am Donnerstag gegen die Tarifreform der Gema demonstrieren.Foto: dapd

Eine Frau zieht ihren Rollkoffer über den Bürgersteig und sagt: „Wir brauchen die Gema so wenig wie den Verfassungsschutz.“ Es ist Donnerstag Mittag, in ein paar Stunden wird ein Dutzend bunter Lastwagen mit Boxentürmen auf den offenen Ladeflächen über den Kurfürstendamm rollen. Ein paar tausend Menschen werden daneben herlaufen, trinken und tanzen. Die Frau mit dem Rollkoffer wird irgendwann in blaue Müllsäcke gekleidet in der Menge stehen und brüllen: „Wer ist die Gema?“ Und die Menge wird antworten: „Wir sind die Gema!“

Außen an den Lastwagen hängen bunte Schilder, auf denen große Ziffern stehen, Prozentzahlen, viele Ausrufezeichen – und immer wieder das Wort „Clubsterben“. Fast jeder große Berliner Club hat einen eigenen Wagen geschickt. Am Mittag steht Olaf Möller unter Ahornbäumen in der Keithstraße, blickt auf die Lastwagen und krempelt den Ärmel seines Karohemds hoch. Gleich wird er von der Bühne aus mit eindringlicher Stimme erklären, weshalb er um das Berliner Nachtleben bangt. Möller hat sechs Jahre lang einen Club in Mitte betrieben. Heute leitet er die „Clubcommission“, einer Vereinigung von Berliner Partyveranstaltern. Er und die anderen Demonstranten wollen gegen eine Reform protestieren, von der sie sagen, sie bedrohe die Existenz der Clubs.

Seit die Verwertungsgesellschaft Gema angekündigt hat, sie wolle ihre Tarife im kommenden Jahr transparenter und gerechter machen, tobt im Internet ein Sturm. Am Donnerstag protestierten in elf Städten in ganz Deutschland tausende Menschen gegen die Reform. Knapp 300.000 Menschen hatten bis dahin eine Online-Petition unterschrieben.

Die Reform bündelt die elf Tarife der Gema zu zwei neuen. Kleinere Veranstaltungen sollen weniger zahlen, Clubs und Diskotheken, deren Geschäftsmodell in erster Linie auf Musik basiert, deutlich mehr. Zehn Prozent der Eintrittsgelder sollen sie an die Gema abführen, die das Geld treuhänderisch unter den Urhebern der gespielten Musikstücke verteilt. Olaf Möller von der „Clubcommission“ befürchtet aber, dass es nicht bei den zehn Prozent bleibt. „Das sind Halbwahrheiten“, sagt er. Mit der Reform werde die Gema die Clubs zusätzlich durch weitere Zuschläge belasten, etwa für DJs, die mit Laptop Musik spielen oder Partys, die länger als acht Stunden dauern.

Video: Pressekonferenz der Gema

Möllers Gegner, die Gema, befindet sich auf der anderen Straßenseite in einem siebenstöckigen Haus mit Marmorfassade. Im obersten Stock sitzt eine dunkelhaarige Frau mit wachem Blick und sagt: „Immerhin zeigen die Proteste, dass die Musik den Menschen sehr viel bedeutet.“ Ursula Goebel ist die Sprecherin der Gema. „Leider sind viele nicht bereit, angemessen dafür zu bezahlen.“

Bisher, sagt Goebel, hätten manche Clubs für die Gema pro Abend kaum mehr bezahlt als für das Toilettenpapier. „Wenn ein Club nun zum Beispiel statt 40 Euro am Abend 160 zahlen muss, ist das zwar eine 400-prozentige Kostensteigerung“, sagt sie. Gemessen am gesamten Umsatz aber sei es nur ein winziger Bruchteil. „Und ohne Musik könnte kein Club Gewinn erzielen.“

Im Flur der Gema-Direktion steht ein hochgewachsener Mann mit Brille und sagt: „Alle sprechen von der Angst der Clubbetreiber - aber kaum jemand von der Angst der Urheber.“ Micki Meuser, 59, ist Musikproduzent. Er ist einer von denen, für die die Gema Geld sammelt. Und einer der wenigen, die sich öffentlich für die Reform aussprechen. „Die Gastronomen sollten an den Verhandlungstisch zurückkehren“, sagt er, „statt mit Polemik Druck aufzubauen.“ Seit der Musiker sich so äußert, wird er auf Facebook bedroht und beschimpft. Die Lobby der Clubs ist stark, vor allem in Berlin.

Die Frau mit dem Rollkoffer auf der Straße sagt: „Wir leben im digitalen Zeitalter, die Künstler müssen mehr an ihren Werken verdienen.“ Wie? Wisse sie auch nicht so genau. Dann geht sie die Straße hinab, den bunten Lastwagen hinterher.

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