Berlin : Schöner sprechen im Genitiv

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Mit der Wahl im September ist die Volksabstimmung über eine wichtige Änderung der Berliner Verfassung verbunden, die das Parlament am Donnerstag beschlossen hat. Nach jahrzehntelangem Hin und Her haben sich alle Fraktionen darauf verständigt, die Stellung des Regierenden Bürgermeisters zu stärken und auch die plebiszitären Rechte der Bürger zu erweitern. Nach dem Beschluss würdigte Parlamentspräsident Walter Momper in einer Ansprache die Bedeutung der Reform. „Aufgrund intensiver Diskussionen und dem Willen zum Kompromiss ist es gelungen, eine Änderung zu formulieren, die unsere Verfassung entscheidend modernisiert“, sagte Momper.

Ein ziemlich verkorkster Satz, nicht wahr, schade um die feierliche Ansprache. Ließe man den Hinweis auf die intensiven Diskussionen weg, würde sofort auffallen, welches Kauderwelsch hier nicht nur geschrieben stand, sondern auch gesprochen wurde: Aufgrund dem Willen zum Kompromiss ist es gelungen ... Klar, dass es heißen muss: Aufgrund intensiver Diskussionen und des Willens zum Kompromiss ... Grundsätzlich steht „aufgrund“ (auch „auf Grund“ ist korrekt) mit dem Genitiv. Nur wenn dem Substantiv ein Artikel und Attribut fehlen, gilt der Dativ mit „von“: aufgrund von Diskussionen und Kompromissen.

Das Beispiel ist typisch für die Vermischung von Genitiv und Dativ bei Aufzählungen. „Trotz der großen Bedeutung der ,Berliner Tafel‘ und dem großen Angebot an leer stehenden Immobilien ...“ las ich in einem Antrag der Grünen. Des großen Angebots bitte. „Trotz“ steht konsequent mit dem Genitiv.

Zurück zum sprachlich verunglückten Momper-Satz. Es sei gelungen, „eine Änderung zu formulieren, die unsere Verfassung entscheidend modernisiert.“ Natürlich haben die Parlamentarier die Verfassung modernisiert, nämlich durch Änderungen. Das Beispiel ist typisch für den Hang, Begriffe und Sachen mit handelnden Personen gleichzusetzen. In einer anderen Parlamentssitzung verwies Klaus Wowereit auf einen Brief „mit der Position Berlins, die sich dafür ausspricht, dass...“ Die Position kann sich für gar nichts aussprechen.

Wenn sie sich ein bisschen Zeit nähmen, würden unsere Politiker die Stolpersteine in ihren Reden bemerken. Aber sie lesen wohl unbesehen vor, was ihnen ihre Helfer aufschreiben.

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