Berlin : Schreckpoint Charlie

Verkehrschaos, Klamauk und ewige Brachen – der berühmteste Ort des Kalten Kriegs ist peinlich für Berlin. Doch die Chancen stehen gut, dass sich das demnächst ändert

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Der Japaner gerät fast unter ein Taxi, als er das nachgebaute Kontrollhäuschen auf der Mittelinsel der Friedrichstraße fotografiert. Von der anderen Seite her nähert sich ein Franzose ebenfalls unter Lebensgefahr dem Aushang im Fenster der Bude. Der ist vom Januar 2004 und informiert über den Tod von Rainer Hildebrandt, Gründer des Museums am Checkpoint Charlie. Direkt daneben gibt es Gehupe zwischen zwei Touristenbussen und einem Bierbike voll johlender Briten. Aber der Uniformierte auf dem Gehweg greift nicht etwa ein, sondern brüllt „Passport Sale!“ Bei näherem Hinsehen entpuppt er sich als verkleideter Volkspolizist, der Passanten zum Fotografieren auffordert: Einmal Posieren zwei Euro. Den unsympathischen Auftritt hat der Vopo mit den Originalen aus DDR-Zeiten gemein, doch sonst könnte er falscher nicht sein – wie so vieles hier.

Wenn in diesen Wochen um den 50. Jahrestag des Mauerbaus die Touristen verschärft die Spuren der Weltgeschichte suchen, finden sie an der Bernauer Straße eine durchaus würdevolle Gedenkstätte, am Brandenburger Tor zumindest auf dessen östlicher Seite den weitgehend autofreien und für Berliner Verhältnisse schon vornehmen Pariser Platz. Am Checkpoint Charlie aber gibt es außer verkleideten Vopos und Soldaten nur Bauchläden mit Russenmützen, Schnellrestaurants und, als einzigen Lichtblick, die historische Fotoausstellung am Zaun, der die Brachen beiderseits der Friedrichstraße umgrenzt.

„This is the most touristic location all over Berlin!“, ruft ein Touristenführer in die Gruppe, die mit offenen Mündern den zu schmalen Gehweg verstopft. Berlins touristischster Ort – er kann Besucher aus unterschiedlichen Gründen erschauern lassen. Doch Besserung ist in Sicht.

Die in der Friedrichstraße hier erlaubten 50 Stundenkilometer seien ja wohl Irrsinn, sagt der Souvenirverkäufer aus seinem Rundkiosk heraus. „Schrittgeschwindigkeit wäre angemessen“, findet er und schiebt gleich eine Verschwörungstheorie nach: Vielleicht wolle der rot-rote Senat diesen Ort des US-alliierten Ruhmes möglichst ungemütlich bewahren, damit er nicht noch populärer werde. Eine steile These angesichts der 850 000 Besucher, die das Hildebrandt’sche Mauermuseum nach eigener Auskunft jährlich empfängt – trotz 12,50 Euro Eintritt, für die man durch ein Labyrinth voll vergilbter Fluchtdokumente irrt. „Sehr schlechtes Museum“, hat ein französischer Besucher in das Buch geschrieben, das die Chefin Alexandra Hildebrandt eigentlich der ewigen Kondolenz zum Tod ihres Gatten gewidmet hat: „kein Roter Faden, man ist völlig verloren.“ Auf den anderen Buchseiten dominiert jedoch Dankbarkeit der Besucher für die Präsentation des menschlichen Freiheitsdranges.

Rainer Klemke, Gedenkstättenreferent in der Senatskanzlei, nennt das Mauermuseum „gefühlte Geschichte“ – und stellt als museumspädagogisch korrekte Ergänzung das seit langem von Bund und Land mit Experten geplante Zentrum zum Kalten Krieg für die nächsten Jahre in Aussicht. Der irische Investor, der vor der Finanzkrise die freien Bauflächen gekauft habe, suche jetzt Nutzer und Finanziers. Die Bauvoranfrage sei eingereicht. Berlin habe sich einen Eingang und die beiden Untergeschosse in einem der Neubauten gesichert. „Wir werden da anfangen, wo Frau Hildebrandt aufhört“, sagt Klemke. „Sie hat die Exponate, wir haben die Geschichte.“ Noch in diesem Jahr solle eine Box als Vorschau aufgestellt werden. Das Museum selbst könne 2015 eröffnen.

Laut Konzept soll es erklären, wie die Weltpolitik die Ereignisse in Berlin beeinflusste: Blockbildung und Kubakrise, Fluchtwelle und Mauerbau, die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie. „Es wird kein parteiisches Museum sein“, sagt Klemke. Dem Beirat gehören Experten an. Wie bedeutend der Ort ist, zeigt für Klemke schon dessen Besucherzahl: „Wir haben bis zu 1000 Menschen pro Stunde gezählt, die vor der Freiluft-Ausstellung stehen bleiben.“

Die Polizei zählt ebenfalls: 24 Mal hat es an der Kreuzung Friedrich- und Zimmerstraße im vergangen Jahr gekracht. Jedoch seien nur zwei Fußgänger beteiligt gewesen, aber 33 Autos. Häufigste Ursache waren Vorfahrtsfehler – die Friedrichstraße ist Hauptstraße – gewesen. Bis Ende Juni 2011 krachte es hier weitere 13 Mal.

Die Stadtentwicklungsverwaltung erkor den Checkpoint Charlie jüngst zum Versuchsfeld für eine „Begegnungszone“, in der nur Tempo 20 gefahren werden darf und Fußgänger Vorrang haben. Der ADAC hält das für gefährlich, sofern die gewohnte Straßenstruktur mit Fahrbahn und Gehwegen erhalten bleibt. Den Checkpoint einfach den Fußgängern zu überlassen, steht nicht zur Debatte – obwohl es mit der Wilhelmstraße eine Alternative für die Autos direkt nebenan gäbe. Reine Fußgängerzonen seien nicht wirklich attraktiv, findet Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD); Tempo 20 sei ein guter Kompromiss. Christian Tänzler, Sprecher der Tourismusgesellschaft Visit Berlin, sagt: „Wir begrüßen alles, was dem Tourismus guttut und Besuchern erleichtert, sich gefahrlos zu bewegen.“ Aber: Der jetzige Zustand des Checkpoints sei „nicht der, von dem wir träumen“.

Am Kontrollhaus versucht gerade ein Spanier, seine Familie ohne McDonald’s- Logo im Hintergrund zu fotografieren. Hinter ihm brüllt der Vopo eine Caramba-Muchachos-Anmache. Der nächste Anlass, dem Checkpoint mehr Würde zu geben, könnte das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls sein: 9. November 2014.

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