Berlin : Schreie aus dem Wrack

Der Taxifahrer Guillaume Weinachter war als Erster bei der abgestürzten Maschine, doch die Flammen machten jede Hilfe unmöglich

Rolf Seydewitz[Luxemburg]

Als der luxemburgische Innenminister Michel Wolter kurz vor 12 Uhr in dem kleinen Ort Niederanven eine improvisierte Pressekonferenz einberuft, sitzt ihm der Schock noch tief in den Gliedern. Minuten zuvor hatte sich Wolter gemeinsam mit seinem Kabinettskollegen Henri Grethen an der nur wenige hundert Meter entfernt gelegenen Absturzstelle über die Bergungsarbeiten informiert und die schrecklichen Bilder, die der Innenminister dort sah, wirken nach. „Wir sind nicht dicht herangegangen“, sagt Wolter fast schon entschuldigend, „weil wir die Rettungskräfte nicht stören wollten.“ Auch eine Stunde später sind noch nicht alle Leichen aus dem Wrack geborgen.

An der Unglücksstelle direkt neben der Nationalstraße eins zwischen Niederanven und Roodt-Syre liegt die Fokker50 auf einer Wiese, besser gesagt das, was von der elf Jahre alten Maschine übrig geblieben ist. Das Flugzeug war über die die Hauptstraße geschlittert, die Trier und Luxemburg verbindet, verlor dabei das Fahrwerk und rutschte in einen zweiten Acker. Das Leitwerk mit dem Luxair-Emblem sieht weitgehend unbeschädigt aus, ebenso der vordere Teil des Cockpits. Der Rest der Maschine - Passagierraum, Flügel, Fahrwerk - ist weitgehend ein Trümmerhaufen. Ein direkt neben der Straße liegender abgebrochener Teil des Fahrwerks war es auch, der um kurz nach 10 Uhr den vorbeifahrenden Taxifahrer Guillaume Weinachter stutzig machte.

„Ich hielt an, dachte zuerst an einen Lkw-Reifen, bis ich plötzlich das Leitwerk des Flugzeugs sah“, erzählt der noch sichtlich geschockte Mann, dem Helfer der Feuerwehr eine wärmende Decke umgehängt haben. „Ich bin dann zum Flugzeug gelaufen“, erinnert er sich. „Aus dem Inneren der Maschine kamen Schreie. Ich wollte noch helfen, doch da schlugen schon die Flammen aus dem Rumpf. Wahrscheinlich hat sich das Kerosin entzündet“, vermutet der Taxifahrer Weinachter. Da habe er sich um drei Schwerverletzte gekümmert, die neben der Maschine lagen. „Ich habe sie beruhigt“, sagt Weinachter, während er nervös an seiner Zigarette zieht.

Für drei andere Passagiere, die beim Aufprall offenbar ebenfalls aus dem Flugzeug geschleudert wurden, kommt dagegen jede Hilfe zu spät. „Ich weiß wie Tote aussehen“, sagt der Taxifahrer leise. Schon wenige Minuten nach dem Aufprall ist auch die Feuerwehr an der Unglücksstelle. Mit einem Schaumteppich löscht sie die immer noch aus der Maschine schlagenden Flammen. Sechs Menschen, heißt es zunächst, seien von den Helfern lebend geborgen worden und mit schwersten Verletzungen auf die luxemburgischen Krankenhäuser verteilt worden. Kurz darauf ist nur noch von fünf, später von zwei Überlebenden und 20 Toten die Rede. Der Rettungshubschrauber des Großherzogtums kann wegen des dichten Nebelsnicht starten.

War es vielleicht auch der Nebel, der der Fokker50 im Landeanflug auf den nur wenige Kilometer westlich gelegenen Findel zum Verhängnis wurde, spekulieren Journalisten. „Kaum vorstellbar“, meinen Luftfahrt-Experten, und auch Luxair-Vize Jean-Pierre Walesch glaubt nicht an die schlechten Sichtbedingungen als Unfallursache. „Kurz vor dem Absturz hat der Pilot noch mit dem Tower gesprochen“, sagt Walesch, „da war noch alles in Ordnung." Kurz darauf sei der Kontakt allerdings plötzlich abgebrochen. „Aus welchem Grund, weiß niemand.“ Später wird die Vermutung laut, dass ein Schwarm Kraniche in die Motoren der Maschine geraten sein könnten. Ein Terroranschlag wird schon bald nach dem Absturz für unwahrscheinlich gehalten; am Abend schließt der Bundesverkehrsmisntier Manfred Stolpe dies „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus“.

Nähere Aufschlüsse erhoffen sich die Experten jetzt von der Auswertung der so genannten Black Box und des Stimmenrecorders, die am Mittwochnachmittag aus den Trümmern der Maschine geborgen werden. Die Spuren an der Absturzstelle zwischen den beiden Ortschaften Niederanven und Roodt-Syre deuten darauf hin, dass die beiden 27 und 32 Jahre alten luxemburgischen Piloten noch versucht haben, die Fokker50 auf einer großen, relativ ebenen Wiese notzulanden. Möglicherweise blieb das bereits zur Landung ausgefahrene Fahrwerk dann an den neben der Nationalstraße wachsenden Bäumen und Sträuchern hängen, wurde abgerissen und überschlug sich die Maschine auf dem angrenzenden Feld.

Der Geruch von Kerosin liegt noch in der Luft, als die luxemburgische Großherzogin Maria Theresa und Premierminister Jean-Claude Juncker am Mittag an die Absturzstelle kommen. Noch immer sind nicht alle Opfer geborgen, weil die Feuerwehr die teilweise schwer verbrannten Leichen erst aus dem verkeilten Wrack schneiden muss. In einem auf der Straße aufgestellten gelben Zelt werden die Toten vorübergehend aufgebahrt. Am Nachmittag überführen Leichenwagen sie in die mittlerweile in ein Jugendzentrum umfunktionierte ehemalige Jakobskirche in Roodt. „Dieses Unglück ist eine nationale Tragödie“, sagt der Premierminister.

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