Berlin : Schrill Bill

Crescendo unterm Sony-Dach: Fans feierten den Sänger von Tokio Hotel bei der Premiere von „Arthur und die Minimoys“

Andreas Conrad

Man hörte sie schon aus der Ferne, lange bevor der Star des Tages auch nur einen Fuß auf den roten Teppich gesetzt hatte – und als er endlich da war, natürlich erst recht. Das Zeltdach überm Sony-Center ist schon deswegen als Galaort so gut geeignet, weil Freudenschreie nicht in der Weite des Himmels verhallen, sondern sich sammeln, verstärken und aus dem Rund der Premierenarena nach draußen auf die Potsdamer Straße schallen. Gestern Nachmittag konnte das Zelt seine akustischen Qualitäten besonders gut zeigen. Bill Kaulitz war gekommen, die Stimme von Tokio Hotel und nun eben auch von Arthur, dem Titelhelden des Animationsabenteuers „Arthur und die Minimoys“, dem neuesten Werk von Kultregisseur Luc Besson. Der kam übrigens auch, aber das hat die jungen Fans in ihrer Begeisterung kaum beeindruckt.

Kurz vor drei hatte es mit den beiden im nahen Ritz-Carlton eine Pressekonferenz gegeben, während sich draußen am roten Teppich schon die jugendlichen Scharen versammelt hatten, manche seit dem Vormittag, und sich warm schrien. Wie von einem unsichtbaren Dirigenten geleitet, schwollen die Jubelchöre an, steigerten sich zum schrillen Crescendo, ebbten ab, um gleich darauf von Neuem zu ertönen, während von der Straße weitere Fans, darunter viele Mädchen mit ihren besten und allerbesten Freundinnen, zur Not auch mal mit der Mutter, herbeieilten. Fast zwei Stunden mussten sie noch warten, erst gegen 16 Uhr begann der Strom der Premierengäste, mit Luc Besson und Bill Kaulitz als Schluss- und Höhepunkt.

Für die beiden sind dies aufregende Tage. Der Regisseur kam gerade von der Premiere seines Films in Schanghai, der Sänger aus Cannes, wo Tokio Hotel im Rahmen der Musikmesse Midem für ihr Debütalbum „Schrei“ mit dem European Border Breakers Award der EU als erfolgreichste deutsche Nachwuchsband in Europa ausgezeichnet wurde. Die anderen Bandmitglieder waren noch dort geblieben, während Bill Kaulitz über Ludwigshafen und dem Abstecher zu Thomas Gottschalks „Wetten, dass..?“-Sendung schon vorgeflogen war. Erst an diesem Montag ist Tokio Hotel wieder vereint, stellt in Berlin der Presse ihre neue Single „Übers Ende der Welt“ und das Album „Zimmer 483“ vor, das im Februar erscheint.

„Unbeschreiblich spannend“, lobte hinterher ein Achtjähriger Luc Bessons Arbeit, die beim Abspann Schlussapplaus erhalten hatte. Darin begibt sich der jugendliche Titelheld, durch einen Zauber geschrumpft, in die Märchenwelt der winzigen Minimoys, um dort einen Schatz zu finden und so das vom Verkauf bedrohte Grundstück der Großmutter zu retten – für den Regisseur zu allererst „ein Abenteuerfilm“. Für Bill Kaulitz war die Arbeit als Synchronsprecher ein Debüt mit offenbar hohem Spaßfaktor, obwohl er, wie er verriet, es eigentlich hasse, „meine Stimme zu hören“. Von Besson kannte er zuvor „Das fünfte Element“, war davon begeistert, und so musste man ihn nicht groß zu der neuen Aufgabe überreden.Die Figur hat ihm sofort gefallen, dieser Junge, der sich etwas vorgenommen hat und das unbedingt erreichen will – ein Charakterzug, den der Sänger auch für sich reklamiert. „Wenn ich etwas plane, will ich das unbedingt schaffen.“ Aber aus dem Stand Emotionen, Angst, Schrecken oder Freude, darzustellen, das war für ihn doch harte Arbeit, wie er auf der Pressekonferenz erzählte. „Zum Glück musste ich nicht noch weinen.“ Weitere Arbeiten in dieser Richtung, als Schauspieler vor der Kamera sogar, kann sich der 17-Jährige gut vorstellen. „Ich finde es gut, dass ich in der Situation bin, vieles ausprobieren zu können.“ Wie ohnehin in seinem Leben jetzt vieles toll, super, cool oder gar geil ist – die Arbeit mit Nena beispielsweise, der deutschen Stimme der Minimoy-Prinzessin Selenia, im Original gesprochen von Madonna. Nena hatte einige Erfahrung im Synchronsprechen, war ganz gelassen, während er schon sehr aufgeregt gewesen sei, wie Bill Kaulitz offen erzählt, ein bei allem optischen Styling doch erfreulich locker und natürlich auftretender Star.

Sein Ruhm war es aber nicht, der ihm die Rolle verschaffte. Besson hatte sich die Entscheidung über Sprecher vorbehalten, ließ sich Stimmproben vorführen, die Sprecher kannte er nicht. Wenn er auch den deutschen Text nicht verstand, der Tonfall musste doch stimmen. Und dann wurde es tatsächlich Bill Kaulitz, was den Regisseur doch doppelt gefreut hat: „Ich bin glücklich, dass er berühmt ist.“

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