• Schülerwettbewerb: Mauer-Erzählungen: Ich erzähle den Kindern, dass Vati verreist ist

Berlin : Schülerwettbewerb: Mauer-Erzählungen: Ich erzähle den Kindern, dass Vati verreist ist

Katja Aue besucht die 12. Klasse des Carl-von-Ossi

Es ist Sonntag - scheinbar ein Sonntag wie jeder andere. Ich drehe verschlafen meinen Kopf zur Seite und blicke auf den gleichmäßig atmenden Wolfgang und ich lächle, als ich daran denke, wie Herr P. im Hausflur vor mir steht und mir warnend ins Ohr flüstert, dass das Übernachten eines West-Berliners in der DDR untersagt sei. Ich will aufstehen und nach den Kindern sehen, Wolfgang murmelt träge, und ich stelle das Radio an. Die Sonne scheint, die Luft dringt schwül in unsere kleine Wohnung in Pankow.

Doch auf einmal ist das alles vollkommen egal, denn wir hören diese Stimme aus dem Radio und die letzten Worte lähmen unsere Gedanken: "Friedliebende West-Berliner mit gültigem Personalausweis dürfen an folgenden Grenzübergängen die Grenze passieren ..." Gebannt sitzen wir im Bett, eng umschlungen, warten auf die nächsten Nachrichten. Sofort denke ich an meine Mutter, sie lebt in der Pankower Wollankstraße, nahe der Grenze zum Wedding. Ich hatte am Vortag meinen 5-jährigen Sohn Christoph zu ihr gegeben. Und heute will sie mit ihm zu Grete nach Schöneberg fahren. Wenn sie nun schon los sind? Vielleicht lassen sie Kinder und Rentner noch durch? Es ist wie ein kalter Schauer, der uns trifft.

Zum Thema Online Spezial:
40 Jahre Mauerbau Fotostrecke:
Die Mauer in Bildern Hastig ziehen wir uns Sachen über, die herum liegen. Ich hole Birgit aus dem Bett, die mich verdattert anguckt und der ich mit ihren drei Jahren so rein gar nichts zu erklären vermag. Wir eilen über die morgendlichen Straßen hin zur Wollankstraße, klingeln wie die Verrückten bei meiner Mutter, und es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis sie verschlafen öffnet. Wir gehen in die Stube und schon sprudelt alles aus uns heraus. Meine Mutter schaut abwechselnd auf uns beide, sie weiß um unsere Situation, doch in dem Moment ist alles weit weg und über uns liegt die unendlich große Fassungslosigkeit. Sie fängt an zu weinen, und obwohl ich es die ganze Zeit über zurückzuhalten versucht habe, kommen auch mir die Tränen.

Mit den Tränen kommt auch das Bewusstsein - das Bewusstsein, was dies für uns bedeuten wird.

Es ist kurz nach halb acht und obwohl Sonntag ist, scheint die Stadt lebendig, regelrecht aufgewühlt. Es hält uns nichts mehr in der Wohnung, wir schnappen uns die Kinder und gehen zum S-Bahnhof Wollankstraße, dort, wo auf einer Straße Ost- und West-Berlin zusammentreffen. Schon von weitem sehen wir viele Menschen, die sich vor einem Gewühl aus Stacheldraht und bewaffneten Volkspolizisten sammeln. Irgendwo dazwischen findet sich die Besinnung auf Banalitäten, die Zigaretten und den guten Kaffee, die mit dem letzten Westgeld besorgt werden können. Unzählige Male pendelt Wolfgang mit seinem West-Berliner Pass rüber, immer mit Westgeld hin zu den Buden gleich auf der anderen Seite. Glücklich nehme ich ihn in den Arm, wenn er wieder auf "unserer" Seite ankommt.

Wir kehren zurück in die Wohnung meiner Mutter, die uns Mittag macht. Die Kinder, die den Ernst der Lage nicht begreifen können, sind die einzigen, die mit Appetit essen. Stumm sitzen wir da und blicken uns ab und zu verstohlen an, bis Wolfgang plötzlich aufsteht und sagt, er müsse unter Leute. Wir wissen, dass er in sein Stammlokal fahren wird, um zu diskutieren - was tun, auch wenn es nur reden ist. Weg von den schweigenden traurigen Frauen, denkt er sicher. Doch ich kann nicht über eine Politik debattieren, die im Begriff ist, mir mein Leben aus der Hand zu reißen, die darüber bestimmt, was aus mir und meinen Kindern wird.

Meine Kinder! Sie könnten ja rüber gehen. Schließlich sind sie in Wolfgangs Pass eingetragen, sogar west-versichert und es ist doch offensichtlich, in welchem Teil der Stadt man besser lebt. Aber da ist noch meine Mutter, die keinen mehr hat außer mir.

Mit Schrecken denke ich daran, dass es bei Wolfgang nicht anders aussieht. Auch er hat seine Mutter und seine Schwester und natürlich seine Arbeit, durch die er uns unterstützen kann. Meine Ausbildung zur Kindergärtnerin wird im Westen nicht anerkannt, soll ich drüben noch mal von vorn beginnen oder als Hausfrau enden? Wenn ich meinen Kindern zuschaue, wie sie so unbekümmert spielen, dann scheint mir die Last unerträglich, über ihre Zukunft zu entscheiden.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich hier zu Hause bin und nicht weggehen werde. Sicherlich ist es nur eine Übergangsphase, mit dem Ziel, die Flüchtlingswelle zu stoppen. Mir wird auch bewusst, dass die Kinder bei mir bleiben müssen, denn Wolfgang liebt das Leben viel zu sehr, als dass ich ihm die alleinige Verantwortung auferlegen könnte. Als er wiederkommt, sieht er geschafft und sehr, sehr müde aus. Er weiß, dass er heute Nacht auf jeden Fall zurück muss und ich weiß, dass ich auf jeden Fall hier bleiben werde. Er verabschiedet sich von den Kindern und mir fällt auf, wie er angestrengt versucht, so zu wirken, als wäre alles ganz normal.

In dem Moment bin ich ihm dafür so unheimlich dankbar und kann meine eigene Unsicherheit vergessen. Das hält eine ganze Weile an ... bis er mich zum Abschied küsst ... bis die Tür hinter ihm zufällt ... bis seine Schritte im Treppenhaus verstummen. Und dann bin ich allein mit den Kindern, die aufgekratzt sind von den Dingen, die sie heute erlebt haben. Ich erzähle, dass der Vati vielleicht für eine Weile verreisen muss.

Dann bringe ich sie ins Bett und lese noch eine Geschichte vor, doch in meinem Kopf kreisen die Gedanken, die ich nicht ordnen kann. Stattdessen ordne ich die Dinge, die mir vor die Finger kommen. Räume Wäsche in die Schränke, sammle Spielzeug auf und merke, dass mich das alles nicht ablenkt. Schließlich lege ich mich erschöpft ins Bett und sehe auf einmal die Dinge ganz klar. Warum haben wir nicht erkannt, was sich um uns herum abspielte? In den letzten Monaten bauten sie wie wild den S-Bahn-Außenring fertig, der ein unabhängiges S-Bahnnetz für Ost-Berlin schuf. Und warum sprach Ulbricht erst vor kurzem davon, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen? Ich stelle mir vor, was passiert wäre, wenn wir schon gestern nach Spandau gefahren wären. Ob Wolfgang gewollt hätte, dass wir drüben bleiben? Wir hatten ja schon öfter darüber gesprochen, was wird, wenn Christoph zur Schule kommt. Nun aber hatte mich die Politik dazu gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Ohnmächtig, wie betäubt, schlief ich ein.

Wenn ich an jenen turbulenten Tag zurückdenke, dann kommt es mir recht makaber vor, welche Normalität in unser getrenntes Leben einkehren sollte. Der Trugschluss, die Mauer sei eine Übergangslösung, stellte uns bald vor eine schwere Situation. Die DDR forderte von mir die Scheidung, was ich von Anfang an ablehnte und komischerweise bekam ich damit keine weiteren Probleme. Andererseits taten sich die Leute, die um meine Situation wussten, sehr schwer, ihre Verbundenheit zu zeigen.

Schon einige Tage nach dem Mauerbau war es Wolfgang nicht mehr gestattet, herüber zu kommen. So stand ich in den nächsten Wochen auf der Schulzestraße, von wo man auf den S-Bahnhof Wollankstraße blicken konnte und wartete zu einem verabredeten Zeitpunkt auf Wolfgang, der jeden Tag auf den Bahnhof kam. Wenn ich die Kinder dabei hatte, musste ich sie sehr zurückhalten, damit sie dem Vati nicht winkten.

Doch weil viele andere einfach laut hinüber riefen, bauten sie bald einen Sichtschutz und wir konnten nicht einmal mehr Blickkontakt haben. Das war so mit die schlimmste Zeit, da man nicht wusste, ob und wann man sich wiedersehen würde. Es blieben nur noch die Briefe. Schließlich fand sich doch eine Möglichkeit, als wir uns zweimal im Jahr bei der Leipziger Messe sehen konnten. Und dann - endlich - konnte sich Wolfgang einen BRD-Pass beschaffen, mit dem es möglich war, in die DDR einzureisen.

Viele Freunde von mir sind noch getürmt, und ich erinnere mich, wie ich einer Kollegin aus dem Kindergarten half, an den S-Bahnschienen nahe Schönholz "rüberzumachen", indem ich Schmiere stand. Sie hatte einen Verlobten im Westen und nichts, was sie - wie mich - hier hielt. Die Situation, in der wir uns befanden, wurde immer mehr Alltag. Schließlich, das war 1967, begannen wir, jedes Jahr ein Mal zusammen nach Ungarn zu fahren. Das machen wir heute noch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben