Berlin : Schulen: Lehrermangel ist absehbar

Susanne Vieth-Entus

Trotz des eklatanten Schülerrückgangs um fast 25 Prozent wird es in den kommenden Jahren voraussichtlich einen bedrohlichen Lehrermangel geben. Der Grund hierfür ist die extrem große Zahl an Pensionierungen: Fast jeder zweite Lehrer wird bis 2010 nicht mehr im Schuldienst sein. Dies geht aus den neuesten Modellrechnungen der Senatsschulverwaltung hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Unklar ist, woher die vielen neuen Lehrkräfte kommen sollen, zumal auch noch das Abbummeln der Arbeitszeitkonten ansteht.

Wenn die Konten wie geplant in den Schuljahren 2003/04 und 2004/05 geräumt werden, fallen Stunden im Umfang von jeweils 950 Stellen aus. Zudem wären jährlich rund 700 Neueinstellungen nötig zum Ausgleich für die Pensionierungen, denn von den jetzt tätigen über 29 000 Pädagogen sind in zehn Jahren nur noch rund 17 000 "an Bord". Die Senatsschulverwaltung weiß noch nicht, wie die Löcher gestopft werden können. Insbesondere im berufsbildenden Bereich herrscht schon jetzt "Ebbe" auf dem Arbeitsmarkt. Besonders katastrophal stehe der "ganze gewerbliche Bereich" da sowie das Fach Elektrotechnik, berichtet die Schulverwaltung. Als weitere Mangelfächer nennt sie die Fremdsprachen wie Englisch, Französisch und Italienisch sowie die Fächer Informatik, Sonderpädagogik und Musik.

Fest steht, dass an den Hochschulen zurzeit nicht genügend Lehramtsstudenten eingeschrieben sind. Landesschulrat Hansjürgen Pokall hofft deshalb, dass durch die "zunehmende Attraktivität" Berlins Lehrer aus anderen Bundesländern angeworben werden können. Dies hilft aber nicht den Berufsschulen, denn ihnen fehlt der Nachwuchs bundesweit. Die Kultusminister wollen nun eine Werbekampagne starten, um mehr Studenten für diese Fächer zu gewinnen.

Die Lage an den Berufsschulen ist auch deshalb besonders zugespitzt, weil hier der Altersdurchschnitt der Lehrer am höchsten ist. Schon im Januar 1999 lag er bei fast 51 Jahren und damit noch vier Jahre über den allgemeinbildenden Schulen. Dieses Problem war allerdings schon lange absehbar.

Schulsenator Klaus Böger (SPD) hat also mit zwei Problemen zu tun, die er von seinen Vorgängern "geerbt" hat: Der ungenügenden Einstellung von jungen Lehrern und den Arbeitszeitkonten. Letztere hatte Ingrid Stahmer (SPD) mit der Gewerkschaft GEW ausgehandelt, um den erhöhten Lehrerbedarf kurzfristig abzudecken, ohne die Lehrerarbeitszeit generell zu erhöhen: Die ein bis zwei zusätzlich gearbeiteten Stunden sollten bei sinkenden Schülerzahlen einfach abgebummelt werden, so die damalige Darstellung.

Dies funktioniert angesichts der hohen Pensionierungszahlen nun nicht, was allerdings absehbar gewesen sein dürfte. Jetzt ist Schadensbegrenzung angesagt, was bedeutet, dass Böger versuchen muss, das Abbummeln der Konten auf mehrere Jahre zu strecken. Er möchte deshalb schon im kommenden Jahr damit beginnen, wahrscheinlich im Grundschulbereich. Zurzeit verhandelt er darüber mit dem Innensenator sowie dem Finanzsenator, von denen er überdies noch 500 Stellen für den Ersatz der dauerkranken Lehrer fordert. Falls er diese Zugeständnisse nicht erhält, sieht es schlecht aus für die Schulen, zumal dann noch ungewisser ist, woher die Stellen für die Grundschulreform kommen sollen.

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