Berlin : Schulkleidung: "Eine lebendige Demokratieerfahrung"

Annette Kögel

"Ich denke, Schule ist veränderungsbedürftig - und dass das mit diesem Schulversuch so schnell geht, finde ich ganz toll. Normalerweise muss man dafür unglaublich viele Papiere schreiben und Konferenzen absitzen." Erich Beyler ist "fast auf den Tag genau 28 Jahre" im Schuldienst. Und jetzt hat er wahrlich ein Abenteuer vor sich: Wie seine Schüler der Klasse 10c von der Friedrichshainer Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule wird er bis zu den Sommerferien morgens nach der einheitlichen Schulkleidung im Schrank greifen.

Keine legere Jeans mehr, keine lockeren Hemden. Sondern jene schnittig-schicken Klamotten, die die Schüler nach langen Abstimmungen aussuchten. "Eine lebendige Demokratieerfahrung", lobt der ursprünglich aus Karlsruhe stammende Pädagoge. Seine 23 Schützlinge wiederum sparen nicht mit Anerkennung für ihren engagierten Klassenlehrer, der seit vier Jahren in dem Altbau an der Eckertstraße Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde und Arbeitslehre unterrichtet.

Lehrer Beyler hatte innerhalb des Zeitungsprojektes des Tagesspiegels, "Klasse!", vom Schulkleidungs-Testlauf gelesen, mit seiner Hauptschulklasse darüber diskutiert und abgestimmt. Ein Schüler schickte das Bewerbungsfax. "Die sind total begeistert, das ist ja eine große Anerkennung für sie", sagt Beyler. Ängste gibt es aber auch: dass die optischen Exoten zum Beispiel als Streber angemacht werden. Deswegen soll gleich am Montag in der Schule ein Plakat ausgehängt werden. Ein "Pro & Contra" zu Schuluniformen soll verdeutlichen, "dass das ein Experiment ist, keine Angeberei".

Erich Beyler hofft darauf, dass ein Teamtrikot das Verhältnis der Schüler untereinander verbessert. Er selbst ist sich sicher, "dass das ein Erlebnis sein wird, von dem die Schüler begeistert sind". Die Angst einiger, "dass ihre Klasse daran Schuld ist, wenn das in ganz Berlin eingeführt wird", kann entkräftet werden. Schulsenator Klaus Böger (SPD) will Einheitlook im Klassenzimmer "niemals von oben verordnen. Die Schulen sollen für sich selbst entscheiden".

Der 54-jährige Hauptschullehrer freut sich auf die Zeit, wenn sich die Wogen geglättet haben und seine 10c auf dem Hof kein Aufsehen mehr erregt. "Dann nämlich werden die Jugendlichen endlich nicht mehr über Markenlabels fachsimpeln, sondern sich auch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben unterhalten."

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