Berlin : Schulpolitik: Morgen fällt Deutsch-Türkisch aus

Susanne Vieth-Entus

Eine weitere Berliner Grundschule will die zweisprachige deutsch-türkische Alphabetisierung abschaffen. Wie der Tagesspiegel erfuhr, gibt es an der Neuköllner Karl-Weise-Grundschule nicht mehr genug Nachfrage. Damit bleiben nur noch sechs von ursprünglich 14 Schulen übrig. Um das Fach an den verbleibenden Schulen zu stärken, soll es künftig auf dem Zeugnis benotet werden. Dies bedeutet, dass ab sofort auch Klassenarbeiten geschrieben werden.

Damit erfüllt die Senatsschulverwaltung eine alte Forderung der beteiligten Schulen. Diese hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass das Türkische in der Grundschule durch Benotung mehr Relevanz erhalten würde. Es wird den anderen Fächern allerdings nicht ganz gleichgestellt, denn eine "Fünf" oder "Sechs" im Türkischunterricht soll bei der Versetzung auch künftig keine Rolle spielen.

Für die Karl-Weise-Grundschule kommen all diese Neuerungen allerdings zu spät. Hier war zuletzt das Interesse der deutschen Elternschaft zunehmend geschwunden, so dass in diesem Schuljahr kein deutsch-türkischer Koop-Unterricht zustande kam. Gerade dieser gemeinsame Unterricht spielt aber eine wichtige Rolle beim Projekt der deutsch-türkischen Alphabetisierung. Zudem reagierten auch die türkischen Eltern zurückhaltend auf das Angebot. Viele fürchten, dass die türkische Alphabetisierung auf Kosten der deutschen Sprache geht.

Das Abbröckeln des deutsch-türkischen Unterrichts an den Berliner Schulen läuft konträr zu den Forderungen der türkischen Dachverbände. Als Antwort auf "Pisa" forderten sie gestern in Berlin gerade eine Stärkung des muttersprachlichen Unterrichts für Kinder nichtdeutscher Herkunft. Der Bundesvorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine, Ertekin Özcan, plädierte sogar dafür, Türkisch ab der ersten Klasse als versetzungsrelevantes Wahlfach in den Schulen anzubieten. In den Gymnasien solle Türkisch zweite Fremdsprache nach Englisch werden können.

Davon ist man in Berlin allerdings weit entfernt. Zu groß sind die Probleme der türkischen Schüler mit der deutschen Sprache. Und zu groß ist die Angst, dass die vielen Türkischstunden auf Kosten des Deutschen gehen. Zudem wurde dieses schwierige Vorhaben der deutsch-türkischen Alphabetisierung nie wissenschaftlich evaluiert, kritisiert der schulpolitische Sprecher der Bündnisgrünen, Özcan Mutlu. Es sei jahrelang als "Stiefkind" der Bildungspolitik behandelt worden. Und jetzt müsse es, wie die Vorgänge an der Karl-Weise-Grundschule zeigten, sogar noch als Sündenbock für Kiez-Probleme herhalten.

Tatsächlich hat sich im Streit um den Türkischunterricht an der Weise-Grundschule eine Menge Wut der deutschen Eltern entladen. Da sie sich in ihrem Kiez rund um die Hermannstraße zunehmend in der Minderheit fühlen, wollen viele deutsche Eltern nicht die "massive Begegnung ihrer Kinder mit den türkischen Kindern" in den zweisprachigen Klassen, so Schulleiter Klaus Hartung in einem Brief an die Elternschaft. Hartung schrieb auch, dass sich "viele der hier im Kiez wohnenden Deutschen... von den türkischen Mitmenschen bedrängt" fühlen und ihren Kiez "bedroht" sehen.

Dieser Brief brachte prompt den türkischen Elternverein auf den Plan. Er wandte sich an Mutlu, der wiederum den Schulsenator Klaus Böger (SPD) einschaltete. Allerdings schoss Mutlu in seinem Brief etwas über das Ziel hinaus, indem er den Brief Hartungs so wiedergab, dass sich die Deutschen "von den türkischen Mitmenschen bedroht" fühlen. Hartung ließ das nicht auf sich sitzen. Er schrieb an den Türkischen Elternverein, dass er nicht ausländerfeindlich sei. Allerdings verstehe er die Sorge der Deutschen und die "Angst vor dem Entstehen einer Struktur, zu der sie keinen Zugang haben".

Inzwischen gibt es an der Weise-Grundschule keinen Weg mehr zurück zum Türkischunterricht. Für Türkischlehrer Ahmet Cengis steht allerdings fest, dass das Sprachangebot am mangelnden Interesse der Schulleitung gescheitert ist, die nicht rechtzeitig genügend türkische Lehrer und Erzieher geholt habe. Und er weist den Vorwurf Hartungs zurück, dass die beiden Türkischlehrer nicht genug Werbung für ihr Fach gemacht hätten.

Abgesehen von der Weise-Schule gibt es allerdings auch gute Nachrichten zur deutsch-türkischen Alphabetisierung. "An unserer Schule läuft es gut", berichtet etwa Ingrid Pohl, Leiterin der Weddinger Trift-Grundschule. Nächstes Jahr wird das Angebot bis in die 6. Klasse durchgewachsen sein. Pohl ist "froh" darüber, dass das Türkische durch die neuen Richtlinien der Schulverwaltung als Unterrichtsfach anerkannt ist und benotet wird. Die Trift-Schule hat es auch geschafft, die deutschen Eltern bei der Stange zu halten, so dass der Koop-Unterricht stattfinden kann. Pohls Ansicht nach vergrault nicht der Türkisch-Schwerpunkt die deutschen Eltern, sondern die negative Berichterstattung. Und sie bedauert, dass es seitens der Politik so lange gedauert hat, vernünftige Rahmenbedingungen für die Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache zu schaffen.

Die Senatsschulverwaltung ist auch jetzt noch nicht ganz sicher, welchen Stellenwert die Muttersprache der größten Einwanderungsgruppe haben soll. "Die zweisprachige Alphabetisierung ist ein anspruchsvolles Projekt, aber Deutschlernen hat Vorrang", betont Bögers Referentin Angelika Hüfner. Viele Türken wollten in der Schule auch kein Türkisch mehr lernen, "weil sie hier leben und bleiben. Wir wollen es anbieten, aber nur, wenn es die Mehrheit einer Schule will", so Hüfner.

Auch der ehemalige GEW-Chef und jetzige Schulleiter Erhard Laube warnt davor, einzig auf die zweisprachige Alphabetisierung zu setzen. Eine Schule könnte als Multikulti-Schule abgestempelt werden. Dennoch will er das Angebot aufrecht erhalten, weil er davon überzeugt ist, dass man eine neue Sprache leichter lernen kann, wenn man die Muttersprache richtig beherrscht.

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