Schulreform : Zöllner will über Sozialquote an Oberschulen reden

Die größte Schulreform seit Jahrzehnten ist auf den Weg gebracht. Jetzt stellte der Senator Einzelheiten vor. Und gibt sich offen, was das Thema Sozialquote für Oberschulen angeht.

Susanne Vieth-Entus

Berlins größte Schulreform seit der Wende steht – zumindest finanziell – unter einem guten Vorzeichen: Das jetzt beschlossene bundesweite Konjunkturprogramm beschere einen „einmaligen Augenblick“, um die Reform bewältigen zu können, sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Er äußerte sich am Mittwoch zu seinen Reformvorschlägen, die er zuvor der Koalition erläutert hatte. Demnach will Zöllner „ergebnisoffen“ auch über eine Sozialquote bei der Aufnahme an weiterführende Schulen diskutieren, um der sozialen Entmischung entgegenzuwirken.

Diese Entmischung zeigt sich etwa daran, dass die Zahl der Schüler aus einkommensschwachen Familien an den Schulen zwischen rund zehn und rund 90 Prozent schwankt. Um diese Diskrepanz zu verhindern, fordert die Linkspartei, dass jede Schule einen bestimmten Anteil benachteiligter Kinder aufnehmen muss – und zwar auch an den Gymnasien, unabhängig von der Leistungsfähigkeit der Schüler. Das geht Zöllner allerdings zu weit. Er ist zwar bereit, die Sozialquote in die Überlegungen einzubeziehen. Die betreffenden Kinder müssten an den Gymnasien aber dieselben Leistungskriterien erfüllen wie alle anderen Kinder.

Welche Leistungskriterien dies sein werden, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass es Hürden geben wird, weil die Gymnasien im Gegenzug nicht mehr die Möglichkeit erhalten sollen, schwache Schüler an andere Schulen abzugeben.

Wie berichtet, soll es überdies neben den Gymnasien mittelfristig nur noch Sekundarschulen geben. Laut Zöllner können Schulen sich bereits ab 2010 auf freiwilliger Basis zu Sekundarschulen umwandeln. Voraussetzung ist, dass der jeweilige Bezirk mitmacht und dass es möglich ist, schnell die Voraussetzungen für einen Ganztagsbetrieb zu schaffen – der Umbau könnte 100 Millionen Euro kosten und unter anderem aus dem Bundeskonjunkturprogramm finanziert werden. Spätestens 2013 oder 2014 sollen auch die letzten Gesamt-, Real- und Hauptschulen als Sekundarschulen an den Start gehen. Ganztagsangebote spielen auch bei den Gymnasien eine Rolle: Pro Bezirk soll es je ein Gymnasium mit verpflichtendem Ganztagsbetrieb geben, so Zöllner.

Um den Übergang der Schüler von einer Schulform in die andere zu erleichtern, will der Senator zudem, dass Fachlehrer im Wechsel sowohl an Grundschulen als auch an weiterführenden Schulen unterrichten. Um weiterführenden Schulen in sozialen Brennpunkten die Arbeit zu erleichtern, erwägt er, ihnen zusätzliches Personal zu geben – ähnlich, wie es bereits im Grundschulbereich üblich ist.

Der grüne Bildungspolitiker Özcan Mutlu lobte gestern Zöllners Offenheit für eine Sozialquote. „Es macht Sinn, Plätze für leistungsstarke Schüler mit Migrationshintergrund oder mit Lernmittelbefreiung an Gymnasien vorzuhalten“, sagte er. Er verwies auf die USA, wo seit Kennedy ein ähnlicher Ansatz verfolgt wird („Affirmative Action“), um benachteiligten Schülern mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu verschaffen.

Sascha Steuer von der CDU bezeichnete das Strukturmodell als „Mogelpackung“, die den Leistungsunterschieden nicht gerecht werde.

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