Schulstatistik : Armut macht dick

Bei der Untersuchung von 28.000 Erstklässlern gab es alarmierende Ergebnisse.

Susanne Vieth-Entus
Kinder Übergewicht
Foto: ddp

Trotz aller Diskussionen über Sprachprobleme, Übergewicht und mangelnde Gesundheitsvorsorge bei Kindern verbessert sich die Lage offenbar nicht. Die aktuelle Auswertung der Einschulungsuntersuchung von rund 28 000 Erstklässlern im Jahr 2005 offenbart große Defizite insbesondere bei Migranten und Kindern aus der sozialen Unterschicht. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) kündigte an, dass die Landesgesundheitskonferenz sich schwerpunktmäßig mit diesen Problemgruppen befassen wird.

Wenige Zahlen veranschaulichen das Dilemma. Dazu gehört, dass mehr als jedes dritte Kind aus Migranten- oder Unterschichtfamilien nicht an allen Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen hat. Übergewicht oder sogar Fettleibigkeit wurde bei Unterschichkindern doppelt so oft wie bei Oberschichtkindern diagnostiziert (16,2 gegenüber 7 Prozent). Bei den türkischen Kindern liegt der Prozentsatz sogar bei 22,2 Prozent.

Die Benachteiligung der Unterschicht- und Migrantenkinder zeigt sich auch bei der Belastung durch rauchende Eltern: In diesen Bevölkerungsgruppen leben zwei von drei Erstklässlern in einem Raucherhaushalt. In der Gesamtbevölkerung ist es nicht einmal jedes zweite Kind. Besonders gravierend sind die Unterschiede bei der Ausstattung mit Fernsehern. Diese Daten wurden erfasst, weil hoher Fernsehkonsum sich eher nachteilig auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sind auch hier drastisch: Während nur 14,5 Prozent der deutschen und nur fünf Prozent der Oberschichtkinder einen eigenen Fernseher haben, sind es 28 Prozent der türkischen und arabischen und 29,7 Prozent der Unterschichtkinder. Weit über die Hälte der arabischen und türkischen Eltern gaben an, dass ihre Kinder ein bis drei Stunden fernsehen. Bei den Deutschen gilt das nur für jedes dritte Kind. Lompscher lobte aber das Impfverhalten der türkischen Familien. Bei ihnen ist fast jedes Kind gegen Mumps, Masern, Röteln und Hepatitis B geimpft. Bei den Oberschichtkindern liegt der Anteil nur bei rund 90 Prozent, weil es dort Vorbehalte gegen bestimmte Impfungen gibt.

Bei der Untersuchung im Jahr 2005 waren erstmals auch Schüler dabei, die wegen der vorgezogenen Schulpflicht rund ein halbes Jahr jünger als üblich waren. Das habe sich aber kaum auf die Ergebnisse ausgewirkt, sagte Lompscher. Im übrigen betonte sie, dass die Gesundheitsämter auch künftig die Einschulungsuntersuchungen vornehmen sollen. Aus ihrer Sicht sei die Überlegung vom Tisch, die Aufgabe an niedergelassene Ärzte zu übertragen. Susanne Vieth-Entus

Der Bericht im Internet unter www.berlin.de/sen/statistik/gessoz/index.html

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