Berlin : Schwarz will Rot den grünen Bezirk abjagen

In Steglitz-Zehlendorf hofft der CDU-Mann auf ein Comeback. Doch der SPD-Konkurrent gilt als Kanzler-Intimus

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Von Frank Thadeusz

Wenn es um die Beurteilung ihres Heimatbezirkes geht, herrscht bei den Politikern in Steglitz-Zehlendorf große Einigkeit: „Es ist der bürgerlichste Bezirk Berlins“, urteilt CDU-Direktkandidat Uwe Lehmann-Brauns durchaus mit Wertschätzung. Und auch PDS-Kandidat Giyasettin Sayan lobt das „klare Bewusstsein der Mittelschicht“, das ihm auf seiner Wahlkampftour zwischen Glienicker Brücke und Schloßstraße begegne. Reverenz an das Selbstverständnis der Bewohner des grünen Bezirks, über die man im Rest Berlins gerne witzelt, ihr größtes Problem sei, dass sie keine Probleme hätten.

Das Klischee von der Insel der Glückseligen kommt nicht von ungefähr: Hier erreichen Männer ein Durchschnittsalter von 76,2 Jahren und werden damit so alt wie sonst nur noch im ähnlich grünen Köpenick. Nur: Anders als im Ostbezirk ist ein Großteil der Bürger hier auch pekuniär auf der sicheren Seite. Das monatliche Nettoeinkommen liegt bei durchschnittlich 1866 Euro. Sozialfälle tauchen zumindest auf Zehlendorfer Seite kaum auf. Die Wohlstandsbilanz des Neubezirks wird selbst durch die Steglitzer Zahlen nur leicht gedrückt.

Doch schon vor Jahren erklärte der damalige Zehlendorfer Bürgermeister Klaus Eichstädt (CDU), man dürfe den Wohlstand seiner Bürger nicht mit dem Zustand der öffentlichen Finanzen gleichsetzen. Inzwischen kann jeder die Risse in der blühenden Fassade ausmachen. Zwischen Glienicker Brücke und Steglitzer Kreisel sind die Straßen ähnlich löchrig wie im Rest Berlins. Dass das legendäre Strandbad Wannsee seit Jahren modert und nun mit den Millionen der Stiftung Denkmalschutz aufwendig saniert werden muss, dürfte noch eines der geringeren Probleme sein. Beispielsweise werkeln die Parteien seit einigen Jahren an einer Lösung, wie sich das Ansehen der von Leerstand und Billigläden bedrohten Schloßstraße wieder aufpolieren lässt. Der Ausbau der Stammbahn und der Bundesstraße 101 sollen nicht nur die vom Verkehrskollaps bedrohten Straßen des Bezirks entlasten, sondern auch Kunden aus Brandenburg auf schnellem Wege zum Einkaufen nach Steglitz-Zehlendorf bringen. Aber Verkehrsinfrastruktur-Vorhaben für den Schienen- und den Straßenverkehr, die auf Bundesebene entschieden werden, sind allenfalls mithilfe von Bundestagsabgeordneten auf den Weg zu bringen.

Doch auch die politische Szene im Wahlkreis hat sich seit der Bezirksreform verändert. Nachdem Zehlendorf wie Steglitz über Jahrzehnte fest in Händen der CDU war, konnte man in der Union 1998 den überraschenden Verlust des Direktmandats an die SPD allenfalls noch auf die Anti-Kohl-Stimmung schieben. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im Oktober 2001 aber kam es für die Christdemokraten knüppeldick: Von einer souveränen absoluten Mehrheit stürzten sie auf 31,8 Prozent ab – und die Stadtratsposten der Union purzelten reihenweise. Eine Zählgemeinschaft mit der FDP, die mit 16,8 Prozent stark zugelegt hatte, sichert seitdem die Mehrheit des bürgerlichen Lagers im Rathaus an der Kirchstraße. Ein möglicher Sieg Edmund Stoibers könnte nun auch der CDU Steglitz-Zehlendorf wieder zu alter Größe verhelfen. Doch die ist angeschlagen. Innerparteiliche Grabenkämpfe könnten die Wahlchancen von Uwe Lehmann-Brauns schmälern. Zudem scheint die eigene Klientel an ihrem Kandidaten zu zweifeln. Manche sagen, er sei mit 63 Jahren zu alt. „Alter und Jugend sind kein Verdienst und kein Nachteil“, kontert der CDU-Politiker.

Lehmann-Brauns zieht mit zwei Themen in den Wahlkampf, die berlinweit für Furore sorgen, und für die der Haushaltsplan des rot-roten Senats die Steilvorlage geliefert hat: Der mit Ausbleiben der Landeszuschüsse ab 2003 drohende Niedergang des Schlossparktheaters und die geplanten Einsparungen von 50 Millionen Euro, die das renommierte Universitätsklinikum Benjamin Franklin in ein Allgemeinkrankenhaus verwandeln sollen, seien „big points für uns“, glaubt die CDU.

Der Kandidat der Sozialdemokraten, Klaus Uwe Benneter, hat indes einen Weg gefunden, nicht mit den Sparbeschlüssen des Senats identifiziert zu werden: Forschungsmittel für die Hochschuleinrichtungen und das nötige Kleingeld etwa für die Stammbahn könne nur einer besorgen, „der viele gute Kontakte hat und diese für die Anliegen des Bezirks nutzt“, sagt der Mann, der als Intimus von Kanzler Gerhard Schröder gilt. Dass die Kandidaten der Grünen, FDP oder PDS überraschend in den Zweikampf um das Direktmandat zwischen Benneter und Lehmann-Brauns eingreifen können, gilt als unwahrscheinlich. Immerhin: Politische Überraschungen scheinen auch im Südwesten möglich, wie die Bundestagswahl vor vier Jahren gezeigt hat.

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