Schweinegrippe-Impfung : Es ist noch Serum da

Immer weniger Menschen lassen sich in Berlin derzeit gegen Schweinegrippe impfen. Dem Land droht ein Millionenverlust: Es muss verfallene Ampullen bezahlen.

Christoph Stollowsky
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Weniger Labortests. Die Infektionen mit dem H1N1-Virus gehen in Berlin und im Umland zurück, die Labore müssen nur noch...Foto: Keystone

Die Infektionswelle ist abgeebbt, die Furcht vor der Schweinegrippe und der Ansturm in den Arztpraxen sind zumindest vorerst vorbei: „Wir haben nur noch vereinzelte besorgte Anrufer“, heißt es beim Infotelefon des Gesundheitsamtes Steglitz/Zehlendorf. „Vor vier Wochen kamen bis zu 80 Patienten zu einer Impfsprechstunde, jetzt sind es noch vier bis fünf“, sagt der Spandauer Kinderarzt Ulrich Fegeler. In der Gesundheitsverwaltung beobachtet man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Zum einen warnt Sprecherin Marie-Luise Dittmar davor, sich „zu früh in Sicherheit zu wiegen.“ Im März 2010 könne „eine zweite Infektionswelle anrollen.“ Doch auch finanziell macht der Rückgang des Impfinteresses der Behörde Sorgen: Werden die bestellten Impfdosen nicht verbraucht, verliert das Land mehrere Millionen Euro.

Angesicht der Warnungen vor dem H1N1-Virus hatten die Gesundheitsminister aller Bundesländer im Sommer 2009 in einer gemeinsamen Aktion bei dem Pharmahersteller Glaxo Smith Kline (GSK) rund 50 Millionen Dosen des Serums Pandemrix geordert. Zwei Millionen Dosen sind für Berlin bestellt, sie sollen bis zum Frühjahr 2010 komplett geliefert werden.

Bisher sind davon etwa 554 000 Dosen in der Stadt angekommen und teilweise schon injiziert worden. Angesichts der gesunkenen Impfbereitschaft dürften die weiteren Lieferungen aber bald auf Halde liegen. Aufbewahrt werden sie in der Schöneberger St. Hubertus-Großapotheke, die das Serum an Berlins Ärzte verteilt. Dort heißt es, Pandemrix sei gekühlt etwa ein Jahr haltbar. Eine Dosis kostet acht Euro. Verfällt die Hälfte der Bestellung, also eine Million Dosen, müsste das Land dafür rund acht Millionen Euro zahlen. Die Krankenkassen übernehmen zwar die gesamten Impfkosten, für übriggebliebenen Impfstoff müssen aber die Bundesländer selbst aufkommen.

Dass sich diese bei ihrer Großbestellung möglicherweise verkalkuliert haben, liegt auch an den veränderten Impfempfehlungen. Noch bis Mitte 2009 hatte es geheißen, jede Immunisierung erfordere eine Haupt- und Nachimpfung. Angesichts der Vorgabe, rund 30 Prozent der Bevölkerung schützen zu können, orderte man folglich für Berlin zwei Millionen Dosen. Als die Impfkampagne dann im Oktober begann, war man aber längst zu der Überzeugung gekommen, dass nur Senioren doppelt immunisiert werden müssen.

Auch in Brandenburg sind von 1,5 Millionen Dosen bislang nur 500 000 verabreicht worden. Laut Gesundheitsministerium sinkt die Nachfrage dort gleichfalls rapide. Ebenso wie die Berliner Behörden hofft man nun auch in Brandenburg auf die bevorstehenden Verhandlungen mit dem Pandemrix-Hersteller GSK. Die Gesundheitsminister der Länder wollen der Firma einen Kompromiss abringen. GSK soll die Produktion wenigstens um ein Drittel verringern – obwohl die Abnahme der bestellten Menge vertraglich zugesichert ist. Christoph Stollowsky

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