Berlin : Schwellkörper

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Von Esther Kogelboom

„Drück raus!“ - „Jawoll!“ - „Ich will Beine sehen!“ - „Luft raus!“ So gehen die Schlachtrufe beim Bodybuilding-Wettbewerb. Sechs Finalisten stehen auf der Bühne des Fontane-Hauses in Reinickendorf. Vor ihnen sitzen die Jury und das Publikum, hinter ihnen liegen Wochen, Monate des Verzichts. Jetzt sollen die Bodybuilder das vorzeigen, was sie sich in der Fitness World, dem Studio XXL oder dem U2-Fitnesstreff antrainiert haben: dicke Muskeln. Banal eigentlich. Aber Stefan, der Veranstalter, hat aus der Fleischbeschau eine Show gemacht.

Katja ist 28 Jahre alt und 156 Zentimeter groß. Sie hat rote Haare und ein weiches Gesicht. „Durch die Woche nur Putenfleisch, sonnabends und sonntags bloß Kartoffeln und Reis“, erklärt Katja ihren 100-Tage-Diätplan. Sie trainiert in der Kromsdorfer Fitness-Oase und schnieft ein bisschen - eine blonde, größere Bodybuilderin hat sie besiegt. Trotz Plexiglas-High-Heels und kreischfarbenem Posing-Bikini. „Ist doch ganz normal, dass Frauen sowas machen“, sagt Katja, guckt gelangweilt und verschwindet in Richtung Multipower-Stand. Multipower, so heißt eine Firma, die Ernährungszusätze für Muskelprotze herstellt, in Plastikbottiche in Farbeimer-Format füllt und dann für viel Geld verkauft. Eiweiß soll da drin sein, gut für die Muckis.

Torsten war voriges Jahr ganz oben auf dem Treppchen. Deswegen kriegt er jetzt eine extralange Spezialshow, außer Konkurrenz, versteht sich. Minutenlang darf er sich, mit schwarzem Umhang und einer Maske, die aussieht wie ein halbzerschossenes Gesicht, auf der Bühne produzieren. Dann zückt er eine Spielzeug-Waffe und hält die ins Publikum, wo Anja und Dani, zwei 24 Jahre alte Köpenickerinnen, vor Begeisterung kieksen. Großes Bodybuilding-Kino, als Torsten auf einmal nur noch im Posing-Slip dasteht. So ein Posing-Slip, wissen Anja und Dani, kostet 200 Euro. Muskelbau ist nichts für arme Leute.

So viel Applaus wie Torstens kleine Horrorshow bekommen die einfachen Wettbewerbe nicht. Vielleicht, weil sie alle nach dem gleichen Schema ablaufen: Kür (Delinquent darf 60 Sekunden zu der Musik seiner Wahl rumposen), Pflicht (alle Konkurrenten stehen gleichzeitig auf der Bühne und müssen Bauch, Beine, Rücken und Arme präsentieren, der Chef der Punktrichter ruft nach jeder Vorführung: „Danke, bitte lockern“), und „Posedown“ (alle springen vor der Jury rum, als wäre ihnen eine 50-Kilo-Hantel auf die Füße gefallen, und versuchen dabei, die Mitbewerber abzudrängen, um möglichst weit vorne zu stehen). Das Musikprogramm besteht hauptsächlich aus gregorianischen Chorgesängen und Rammsteins Zwitter-Song („Ich bin ein schö-hönes Zwei-ge-schlächt“). Nur die Senioren-Klasse schwört noch auf Europe und Bonnie Tyler. Interessant auch: Je mehr die Männer wiegen, desto brauner sind sie, desto weniger Haare haben sie auf dem Kopf. Der Sieger, Enrico, eigentlich ein weißer Mann, hat ungefähr die Hautfarbe von Roberto Blanco, nur etwas gelblicher. Und eine Glatze.

Nein, zum Lachen ist das alles nicht. Mit zu vielen blöden Sprüchen und Vorurteilen werden die Damen und Herren Bodybuilder tagtäglich konfrontiert. Zum Beispiel: „Wer so aussieht und diesen Zirkus mitmacht, kann doch nur blöd sein.“ „Pah“, meint ein breitschultriger Kumpel von Anja und Dani und nimmt einen Schluck Multipower Vanille. „So reden die Dünnen. Daraus spricht nur der Neid der Disziplinlosen.“ Danke, bitte lockern.

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