"Schwimmbär-Tage" : Neukölln bringt seinen Kindern schwimmen bei

40 Prozent der Drittklässler Neuköllns können nicht schwimmen, zum Teil sogar 70 Prozent - dabei spielen religiöse Gründe keine Rolle mehr. Jetzt reagiert das Bezirksamt.

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ngst vor dm Sprung. Viele Kinder trauen sich auch im Schulalter nicht ins Wasser – oft ein Versäumnis der Eltern.
ngst vor dm Sprung. Viele Kinder trauen sich auch im Schulalter nicht ins Wasser – oft ein Versäumnis der Eltern.Foto: picture alliance / dpa

Valentino, acht Jahre alt, steht vor dem Sprungturm und will jetzt wissen, wie tief das Wasser hier ist. Der Trainer sagt: Tief genug, dass du mit den Füßen nicht den Grund erreichst. Das hatte Valentino befürchtet. Er wird heute nicht vom Ein-Meter-Brett springen.

Macht nichts. Am Dienstag ist noch ein „Schwimmbär“-Tag. Dann sind die 30 Zweitklässler aus der Schule am Regenweiher wieder im Gropiusbad, um ihre Wasserangst zu überwinden. Mit dem Projekt will das Bezirksamt Neukölln seinen Schlusslicht-Status loswerden: 40 Prozent der Grundschüler können nach der dritten Klasse, in der es regulären Schwimmunterricht gibt, nicht richtig schwimmen, in Nord-Neukölln seien es rund 70 Prozent. Berlinweit liegt diese Quote bei 20 Prozent, in Mitte bei rund 30, in Pankow bei sechs Prozent.

Die Angst vor der Tiefe

An diesem Defizit sei nicht der schulische Schwimmunterricht schuld, sagt Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), sondern eine mangelnde Frühförderung der Kinder zu Hause. Die Wassergewöhnung sei eine „klassische Elternhausaufgabe“.

In Neukölln leben besonders viele Kinder aus muslimischen Familien, zu deren Kultur es eben nicht unbedingt gehört, Schwimmen zu lernen. Aber es gibt auch Kinder mit deutschen Wurzeln, die selten am Wasser waren und ihre Angst vor der Tiefe nicht überwunden haben. 500 Kinder wurden 2015 durch den Schwimmbär-Kurs geschleust, in diesem Jahr sind 800 angemeldet, Giffeys Ziel ist, alle 2500 Neuköllner Zweitklässler zum Schwimmbären zu schicken.

Die Klassen gehen geschlossen in die Projektwoche, die zum normalen schulischen Pfllichtprogramm gehört. Auch wer schon schwimmen kann, muss mit, denn oftmals erweisen sich die Seepferdchen-Abzeichen im Praxistest als wenig aussagekräftig. Die Kinder gehen schon am ersten Tag ins tiefe Becken, haben je nach Bedarf Schwimmhilfen dabei oder eine ehrenamtliche Helferin, die im Wasser aufpasst. Professionelle Schwimmtrainer der Schwimmgemeinschaft Neukölln leiten den Kurs.

Für Willkommensklassen fehlen Ressourcen

Zwei Drittel der Kosten bezahlen die Schulen mit Mitteln aus dem Bonusprogramm für Brennpunktkieze, den Rest übernehmen Sponsoren und das Bezirksamt. Die Kurse für 800 Kinder kosten insgesamt 30 000 Euro. Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer (SPD) hofft auf eine „Regelförderung“ durch den Senat und Nachahmer aus anderen Bezirken, aber bislang ist das nicht der Fall. „Das ist ein ganz tolles Projekt“, lobt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, es sei aber nicht überall in der Stadt in dieser Form nötig. Die Schulen sollten selbst entscheiden, ob sie dafür Bonusmittel ausgeben. Es gebe auch andere Prioritäten. Eine Berufsschule habe Mittel aus dem Landesprogramm beispielsweise für eine Fahrradwerkstatt ausgegeben, weil viele ihrer Migranten-Schüler mit der „Kulturtechnik“ Fahrradfahren nicht vertraut seien.

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Wie viele Flüchtlingskinder unter den Schwimmbären sind, wissen die Projektverantwortlichen nicht. Die Schulen machen freiwillig mit und schicken ihre regulären zweiten Klassen ins Projekt. Schüler aus Willkommensklassen können nicht mitmachen, obwohl viele von ihnen auch noch nie in einen See gesprungen sind. „Das ist eine Frage der Ressourcen“, sagt Rämer. Das Projekt diene in erster Linie als Vorbereitung auf den Schwimmunterricht.

Abmeldung wegen Religion? Kein Thema mehr

Wie erfolgreich der Schwimmbär ist, wissen die Neuköllner noch nicht. Erst am Ende des Schuljahres wird sich her ausstellen, ob die 500 Schwimmbären-Kinder aus 2015 die Quote der Nicht-Schwimmer nach der dritten Klasse deutlich senken können. Marco Guhl, Schulsportleiter im Bezirk, fasst die Erfahrungen der Schwimmlehrer schon jetzt als durchweg positiv zusammen. „Das Projekt ist ein absolutes Muss. Die Kinder stehen freudig erregt am Beckenrand“ – kein Vergleich zu früher.

Eltern, die aus religiösen Gründen ihre Kinder vom Schwimmunterricht abmelden möchten, seien kein Thema mehr, sagt Guhl. Allerdings können Eltern ihre Kinder in der Schwimmbär-Woche als krank entschuldigen, wenn sie vom Projekt nichts halten. In der Klasse von Valentino fehlen diesmal fünf.

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