Sechs Wochen nach Freilassung : Peter Steudtner wagt sich in die Öffentlichkeit

Über 100 Tage war er in türkischer Haft: Nun hat der Menschenrechtler Peter Steudtner einen Friedenspreis erhalten und über sein neues Leben gesprochen.

Rollenwechsel: Früher sprach er in der Gethsemannkirche die Fürbitten, am Dienstag wurde er hier geehrt.
Rollenwechsel: Früher sprach er in der Gethsemannkirche die Fürbitten, am Dienstag wurde er hier geehrt.Foto: Michael Kappeler/dpa

Schon nach den ersten Dankesworten versagt Peter Steudtner die Stimme. Tränen laufen ihm übers Gesicht, mehrfach muss er sich die Nase putzen. Er sei kein Mann großer Worte, entschuldigt er sich. Lieber wäre es ihm jetzt wie früher, als er noch als Dokumentarfilmer arbeitete, hinter der Kamera zu stehen. Doch alle Scheinwerfer, Kameras und Fotolinsen waren am Dienstagvormittag in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, Steudtners Heimatgemeinde, auf ihn gerichtet.

Von der Quäker-Hilfe Stiftung bekam er einen neu geschaffenen Friedenspreis, Steudtner hielt auch eine Dankesrede: An gleicher Stelle habe er früher höchstens die Fürbitten verlesen und darum gebeten, etwas zusammenzurutschen, erzählt Steudtner. „Meine Rolle ändert sich eben gerade.

Seine Uhr zeigt noch die türkische Zeit

Über 100 Tage hat der Menschenrechtler in türkischer Untersuchungshaft verbracht. Sein Prozess läuft noch immer, doch seit gut sechs Wochen ist Steudtner wieder frei und zurück in Berlin. Die Öffentlichkeit hat er seither gemieden und so richtig zurück sei er noch immer nicht, gibt Steudtner zu. Seine Armbanduhr zeige noch die türkische Zeit an und in seinem Mailpostfach würden sich tausende ungelesene Nachrichten stapeln.

In der Gethsemanekirche, wo seit der Verhaftung Steudtners Abend für Abend der politisch Inhaftierten in der Türkei gedacht wird, ist das Interesse an ihm gewaltig. Vor der eingerüsteten Kirche stehen Übertragungswagen von Fernsehsendern, im Inneren tummeln sich Pressevertreter aus ganz Deutschland. Es sind aber auch viele seiner Freunde und Bekannte gekommen. Sie begrüßt er alle persönlich. Er schüttelt Hände, umarmt Menschen, genießt die kurzen Gespräche. „Ich will dich gar nicht mehr loslassen“, sagt eine ältere Frau, die zur Gemeinde gehört und Tränen in den Augen hat. Auch sein Vater ist zur Preisverleihung gekommen, öffentlich äußern will er sich jedoch nicht.

"Sie sind ein Beispiel für die Kraft gewaltfreien Handelns"

Das übernimmt der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der die Laudatio hält. Mit seiner Verhaftung am 5. Juli sei Steudtner über Nacht ein Held geworden, ohne es gewollt zu haben. „Doch wer ihn schon länger kennt, weiß, was für ein außergewöhnlicher Mensch er ist“, sagt Thierse. Er würdigt Steudtners Lebensmotiv, engagiert schwachen Menschen zu helfen. „Sie sind ein Beispiel für die Kraft gewaltfreien Handelns.“

Darauf lenkt Steudtner auch in seiner Dankesrede das Augenmerk. Er hoffe, das Schweinwerferlicht, in dem er aktuell steht, werde auch auf die Menschrechtsbemühungen weltweit fallen. „In vielen Ländern und Regionen werden die Aktionsspielräume für Menschenrechtsparteien immer kleiner“, sagt Steudtner, der bereits in Palästina, Nepal, Mosambik und anderen Krisengebieten gearbeitet hat. Dort habe er Waffenfabrikate aus Deutschland gesehen. „Muss eigentlich nicht sein“, sagt er schlicht und bekommt dafür lauten Applaus.

Wichtig ist ihm aber auch die Solidarität, die ihm widerfahren ist, weiterzugeben. Mit zitternder Stimme nennt er die Namen von Inhaftierten in der Türkei. Deniz Yücel. Mesale Tolu. Taner Kilic. „Ihr schafft das. Ihr seid nicht allein.“

Im Gefängnis machte Steudtner Yoga und Tai-Chi

Wie er das türkische Gefängnis überstanden hat, erzählt Peter Steudtner im Anschluss der Presse. „Ich habe jeden Morgen Yoga und Tai Chi gemacht.“ Anderen Inhaftierten habe er außerdem das Jonglieren mit Plastikflaschen beigebracht. Zu vielen Gefangenen habe er noch Kontakt, sagt Steudtner, der noch nicht weiß, ob er sich weiter in der Türkei für Menschenrechte einsetzen wird. „Ich muss mir überlegen, ob mein Wirken mehr schadet als nutzt.“

Erst einmal wolle er aber für seine Familie da sein. „Meine Kinder brauchen mich jetzt.“ Ende des Jahres wollen sie gemeinsam verreisen. „Ich will ganz sicher keine Knallereien in Berlin an Silvester erleben.“

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