Berlin : Sechsfacher Mord bleibt ungesühnt

Der Kronzeuge schwieg: Freispruch für mutmaßlichen Boss der vietnamesischen Zigarettenmafia

Kerstin Gehrke

Die Mauer des Schweigens hielt. Denn der vietnamesische Kronzeuge, der den mutmaßlichen Chef der berüchtigten Quang-Binh-Bande mit einer überraschenden Aussage vor Gericht gebracht hatte, verweigerte gestern die Aussage. Kurz darauf das Urteil des Landgerichts: Zehn Jahre nach einem Blutbad im Bandenkrieg um den illegalen Zigarettenmarkt wurde Van Tiu T. freigesprochen. Dem 38-Jährigen sei eine Beteiligung an dem sechsfachen Mord nicht nachzuweisen, sagte die Vorsitzende Richterin.

Van Tiu T., der wegen eines anderen Mordes bereits eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, hatte sich nur kurz geäußert. „Ich habe nicht mitgemacht“, sagte er und schwieg , wie auch ein 41-jähriger Mitangeklagter. Zu hören war von dem mutmaßlichen Mafia-Boss etwas später allerdings ein bedrohlich wirkendes Zischen. Da wurde der Hauptbelastungszeuge gerade an seinen beiden Landsleuten vorbei zum Zeugenstuhl geführt. Plötzlich hatte er Bedenken. Am ersten Prozesstag verlangte er nach seinem Rechtsanwalt, am dritten verweigerte er die Aussage. Er könnte sich der Beihilfe schuldig gemacht haben, begründete sein Anwalt.

Es ging um das Massaker in einem Hochhaus an der Havemannstraße in Marzahn. Am 29. März 1995 war ein Killerkommando in das Wohnheim gestürmt. Sie vermuteten in einer Wohnung Mitglieder der konkurrierenden „Ahrensfelde-Bande“. Fünf Vietnamesen, darunter zwei Frauen, waren sofort tot. Das sechste Opfer kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Der Mann starb, bevor er mögliche Täter identifizieren konnte. Umfangreiche Ermittlungen wurden eingeleitet. Doch im damaligen Krieg zwischen den vietnamesischen Zigarettenbanden hatte die Mauer des Schweigens Bestand. Bis sich fast sieben Jahre später der Kronzeuge meldete. Der heute 37-Jährige war zu dem Zeitpunkt ebenfalls wegen eines anderen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. „Ich will meine Seele erleichtern“, hatte er gegenüber seinem Vernehmer erklärt.

Der frühere „Soldat“ in der Quang- Binh-Bande benannte Van Tiu T. als Befehlsgeber des Massakers. Er bestätigte, was die Ermittler vermuteten: Es war eine Mordaktion im Kampf um die lukrativsten Verkaufsplätze für unverzollte Zigaretten. Nach und nach aber schwächte der angebliche Kronzeuge seine Aussagen ab. Auf eine so wackelige Beweislage könne keine Verurteilung gestützt werden, argumentierte schließlich das Gericht.

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