Seekuh reist von Berlin nach Breslau : Flotter Dreier in Polen

Im Zoo Wroclaw erwarten Theresa gleich zwei junge Bullen. Tierfreunde hoffen nun auf Seekuh-Nachwuchs – hier wie dort.

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Seekuh Theresa: Traut sich die Braut?
Seekuh Theresa: Traut sich die Braut?Foto: picture alliance / dpa

Columbus und Humboldt haben wohl versagt. Jedenfalls ist es den beiden Bullen nicht gelungen, für Nachwuchs bei den Seekühen im Berliner Tierpark zu sorgen. Dabei hatten sie jahrelang Zeit und zwei mehr oder minder schöne Weibchen vor den mehr oder minder schönen eigenen Schnauzen: die 28-jährige Lisa und ebenjene 22-jährige Theresa, die sich am Montagvormittag schwimmend auf den beschwerlichen Landweg ins polnische Wroclaw (Breslau) machte.

„Machen musste“, sagt Lorenzo von Versen. Er arbeitet im Zoo Nürnberg, ist Koordinator der Europäischen Erhaltungszucht für Seekühe und hat dem Tierpark vorgeschlagen, Theresa nach Polen zu schicken. Dort wurde kürzlich ein sogenanntes Afrikarium eröffnet – mit Elefanten, Haien, Krokodilen, Nilpferden und auch Seekühen. Zwei fünfeinhalb Jahre alte Zwillingsbullen aus dem dänischen Odense waren vor einigen Wochen eingetroffen: jung, gesund und geschlechtsreif. Was ihnen zum Glück noch fehlte, war ein Seekuh-Weibchen.

Seekühe sind polygam

Wenn alles so klappt, wie Lorenzo von Versen hofft, wird sich Theresa mit den Bullen paaren. Eine Dreierbeziehung wäre dafür sogar optimal, denn Seekühe sind polygam. Die schweren und schwerfälligen Tiere gehören zu den geheimnisvollsten Wesen der Ozeane und faszinieren die Menschen seit Urzeiten. Die Meeressäuger, deren engste Verwandte die Elefanten sind, werden manchmal auch als Sirenen bezeichnet. Für manche Matrosen galten sie sogar als Meerjungfrauen, was der Kurator und Tierarzt im Berliner Tierpark, Günter Strauß, kaum nachvollziehen kann. „Schön finden kann man Seekühe nun wirklich nicht“, sagt er.

Der Abschied von Theresa ist ihm am gestrigen Montag dennoch schwer gefallen. Sowohl im übertragenen als auch im wahren Sinne des Wortes. Die Seekuh wiegt etwa 900 Kilo und so waren sechs kräftige Männer nötig, um sie – nachdem das Wasser im Becken bis auf einen halben Meter abgelassen worden war – in ein Tragetuch zu packen und mit einem Gabelstapler zu ihrer Transportkiste zu fahren.

Theresa schwimmt über die Autobahn

„Wir haben dafür eine Holzkiste mit Folie ausgeschlagen, so dass Theresa den Transport mit einem speziellen Lastkraftwagen schwimmend antreten konnte“, sagt Günter Strauß: „Für die etwa 350 Kilometer brauchten unsere polnischen Kollegen mindestens fünf Stunden.“ Grundsätzlich könnten Seekühe zwar auch ohne Wasser auskommen, hieß es in einer Mitteilung des Tierparks. Nur solch einen langen Transport würde Theresa wahrscheinlich nicht überleben, da sie auf Dauer von ihrer eigenen Last erdrückt werden würde.

Seekühe sind Pflanzen fressende Säugetiere mit heute noch vier lebenden Arten. Nur zehn Anlagen in Europa halten die Tiere – alle die sogenannten karibischen Seekühe. Wie die anderen drei Arten sind auch sie vom Aussterben bedroht. Im Gegensatz zu den Walen halten sich Seekühe nämlich stets in Küstennähe oder gar im Süßwasser und oft in sehr flachem Wasser auf. Ihr Lebensraum wird also ständig vom Menschen bedroht und eingeschränkt, sagt Zuchtkoordinator von Versen. So verschwinden die für die Tiere wichtigen Seegraswiesen, sei es durch riesige Hotelbauten oder auch durch die Suche nach Erdöl oder Erdgas. Großen Schaden richten auch Sport- und Motorboote an, viele Tiere werden durch die Schiffsschrauben getötet oder verletzt. Nicht zuletzt gibt es auch noch einige Ureinwohner in Brasilien oder Kolumbien, die schon immer Seekühe gejagt und gegessen haben.

Experten wissen wenig über Seekühe

Ein Grund mehr, alles für Nachwuchs bei den in den Zoos gehaltenen Seekühen zu tun, findet Günter Strauß. „Ein solcher Transport ist mit großem logistischen Aufwand verbunden, so darf auch die Wassertemperatur nicht unter 20 Grad sinken und für das Tier bedeutet eine solche Reise natürlich auch Stress“, sagte er. Ob Theresa, die am Montagabend wohlbehalten in Wroclaw ankam, sich also gleich auf die Bullen einlassen werde, sei durchaus fraglich.

Und überhaupt: „Wir wissen leider immer noch viel zu wenig über Seekühe“, sagt auch Lorenzo von Versen. So sei es schwierig, das Paarungsverhalten vorauszusagen. In den europäischen Tierparks habe man aber gute Erfahrungen mit Dreierbeziehungen zwischen jeweils einer Seekuh und zwei Bullen gemacht. Deshalb sei es auch gut möglich, dass Columbus und Humboldt im Berliner Tierpark, die seit gestern allein mit Lisa sind, doch noch ihren Mann stehen. Beziehungsweise schwimmen.

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