Berlin : Seine Fäuste fliegen weiter

Boxer Ralf Rocchigiani kämpft inzwischen lieber im Fußball-Tor

Tobias Erlemann

Der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht beschreibt einen Boxer folgendermaßen: „Den er hat, den Bizeps, ihn benützt er nicht. Aber das, was er nicht hat, ein Hirn, das soll ihm helfen!“

1925 hat Brecht diese Worte gesagt. Heute noch gibt das Zitat die Meinung der breiten Öffentlichkeit über Boxer wieder. Sie gelten als Einzelgänger mit viel Muskeln und wenig Verstand.

Ralf Rocchigiani war einer von denen. Ein erfolgreicher Boxer obendrein. 1995 wurde er nach dem Sieg über den Briten Carl Thompson WBO-Weltmeister im Cruisergewicht. Sechsmal verteidigte er seinen Titel erfolgreich, bis er ihn 1997 wieder an den Briten verlor.

Seit nunmehr drei Jahren versucht er, die Brecht-These des dummen, unzivilsierten Einzelgängers zu widerlegen: als Fußball-Torwart der Altligaherren des BSC Rehberge 1945. Früher schlug er seine Gegner in Boxershorts zum Ringboden, heute faustet er in Schlabber-Hosen die Bälle aus dem Strafraum. „Als ehemaliger Boxer hat Ralf keine Angst im Tor. Auch seine Reflexe sind super. An guten Tagen kann er ein Spiel alleine gewinnen“, erzählt Rehberge-Trainer Reiner Hoffmann begeistert.

Doch was treibt einen ehemaligen Einzelsportler zu einem Mannschaftssport, in dem er mit zehn Mitspielern gemeinsam um Erfolge kämpfen muss? Für Olaf Balitzki, einem Freund von Rocchigiani, ist diese Entwicklung eine logische Folge. „Ralf hat schon immer gerne Fußball gespielt“, sagt Balitzki. So habe Rocchigiani auch ein Team gegründet, um mit Freunden für wohltätige Zwecke zu kicken.

Vom Boxsport kommt Rocchigiani dennoch nicht los. Ab und zu „juckt es noch in den Fingern“, sagt er, vor allem wenn er schlechte Kämpfe sehe. Ein Comeback wie René Weller, der mit 49 Jahren wieder in den Ring stieg, ist ausgeschlossen. Ein Entertainer war er schließlich nie, sondern einzig die Leistung war entscheidend. Denn schneller als man denkt ist der Ruf zerstört. Vor allem wenn man Weltmeister war.

Schlagzeilen im Boxen über den Berliner gab es zuletzt dennoch. Nachdem sein Bruder Graciano nach neunmonatiger Haft wegen Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein aus dem Gefängnis entlassen wurde, verdingte sich Ralf als sein Trainer. Vor dem Kampf im Mai diesen Jahres gegen Thomas Ulrich brachte er seinen Bruder in Form. Mit Erfolg. Zwar verlor Graciano den Kampf knapp, aber niemand hatte mit dessen starker Vorstellung gerechnet: „Wir haben sehr gut trainiert und eine perfekte Vorbereitung abgeliefert. Schließlich ist mein Bruder ja kein Rummelboxer“, war Graciano bereits vor dem Kampf von den Trainerqualitäten seines Bruders überzeugt. Dieses Engagement war vorerst einmalig. Eine Art Gefälligkeit unter Brüdern. Jetzt konzentriert er sich wieder auf seine Kneipe „Rocky’s Inn“ und den Fußball.

„Ralf ist ein wirklicher Teamspieler. Auch das Vorurteil vom aggressiven Boxer widerlegt er, weil er in hektischen Situationen die Ruhe behält und die aufgebrachten Gemüter beruhigt“, beschreibt ein Mitspieler seinen Keeper.

Bertolt Brechts Auffassungen vom dummen, unzivilisierten Boxer sind weit verbreitet. Doch Ralf Rocchigiani widerlegt diese These. Als Torwart versucht er, seine Fäuste einzusetzen. Mit viel Muskeln aber auch viel Verstand.

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